Nachts, wenn Dieter Genske nicht schlafen kann, greift er manchmal zu Kafkas Prozeß und liest, wie der unschuldige Bankangestellte Josef K. aus heiterem Himmel angeklagt und verurteilt wird. Vieles davon erinnert ihn an seine eigene Geschichte. Bis vor zwei Jahren war für Genske die Welt noch in Ordnung. Der Deutsche forschte als Professor für Umweltwissenschaft an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Lausanne, schrieb Bücher und Fachartikel, organisierte internationale Tagungen und warb Forschungsgelder ein. Die Verlängerung seiner Professur galt als Formsache.

Bis zu jenem Augusttag, an dem er zum Präsidenten der Elite-Hochschule zitiert wurde und zu hören bekam: „Ich habe keine Lust, Sie dem ETH-Rat zur Wiederwahl vorzuschlagen.“ An eine Begründung kann sich der Ausgestoßene nicht erinnern. Nur so viel: Es gebe Berichte von Kollegen. Später erfuhr Genske, dass die anderen Professoren des Fachbereichs zu vertraulichen Sitzungen bestellt worden waren. Seine Anträge auf Einsicht der Protokolle wurden abgelehnt. Kollegen, die Genske gerade noch das Du angeboten hatten, gingen ihm aus dem Weg. Sein Budget wurde gesperrt, die Doktoranden einzeln vorgeladen. Seitdem kämpft Genske um seinen Ruf und versucht zu erfahren, warum er eigentlich gehen musste.

Zu deutsch, zu schwul, zu grün?

Der Rausschmiss liegt zwei Jahre zurück, doch in diesen Tagen kocht die Affäre wieder hoch. Genske hat inzwischen mit Gleichgesinnten ein Netzwerk gegründet, das im Internet Mobbing-Fälle an Schweizer Universitäten dokumentiert. Unter www.uni-mobbing.ch werden Behördenwillkür und Diskriminierung meist ausländischer Wissenschaftler an Schweizer Hochschulen angeprangert. Das Netzwerk hat erste Erfolge zu verzeichnen. So dokumentiert der Deutsche Hochschulverband den Fall Genske ausführlich in seiner Mitgliederzeitschrift, die hierzulande an 18000 Professoren und Habilitanden verteilt wird, alles potenzielle Bewerber für Schweizer Hochschulen. Karrieregrab Schweiz titelte die NZZ am Sonntag. Die Botschaft ist oben angekommen: Im Januar will der zuständige Staatssekretär Charles Kleiber mit Vertretern der Schweizer Hochschuldozenten über die Vorwürfe sprechen. Schadensbegrenzung ist angesagt. Zehn Universitäten und zwei ETHs in Zürich und Lausanne, zählt das Land. Fast vierzig Prozent der Professoren sind Ausländer, davon knapp die Hälfte Deutsche. Wenn der Fall Genske potenzielle Bewerber abschreckt, wäre das für den Forschungsstandort Schweiz fatal.

Warum aber Dieter Genske an der ETH Lausanne zur Persona non grata wurde, ist schwer zu rekonstruieren. Die Hochschule schottet sich ab. „Für uns ist der Fall erledigt“, sagt ein Pressesprecher. Das Bundesgericht habe Genskes Beschwerde abgewiesen. Weitere Fragen bitte per E-Mail. „Es ist festzuhalten“, heißt es dann elektronisch, „dass Herr Genske die Erwartungen der ETH Lausanne nicht erfüllte.“ Einzelheiten werden nicht genannt. Begründung: Details würden dem wissenschaftlichen und persönlichen Ansehen des betroffenen Forschers massiven Schaden zufügen. Was damit gemeint sein könnte, „darüber zermartere ich mir den Kopf“, sagt Genske, der mittlerweile in Bern ein Start-up für Umweltgutachten gegründet hat. Wenn solche Vorwürfe im Raum stehen, ist es schwer, einen neuen Job zu finden.

Er selbst hat eine ganze Reihe möglicher Erklärungen parat: Da wäre etwa der neue Präsident der ETH, ein Befürworter der Biotechnologie, der die Hochschule zu einem Zentrum der Life-Sciences machen will. Vielleicht waren ihm Genskes grüne Forschungsansätze zuwider, die vor allem vom Nationalfonds, nicht von der Industrie gefördert wurden? Da wären die Kollegen, die den Spardruck der Hochschule fürchteten, oder der Professor für Bodenkunde, auf dessen Forschungsgebiet der junge Kollege zu wildern begann. Vielleicht wurde dem Neuling in der französischen Schweiz auch sein deutscher Akzent zum Verhängnis, seine Beliebtheit bei den Studenten, die deutschen Veröffentlichungen, die keiner verstand? Oder er erregte mit seiner „unkonventionellen Lebensweise“ Anstoß, mutmaßt Genske, der nie verhehlte, homosexuell zu sein. „Aber das darf doch kein Grund sein, mich zu entlassen!“

Bis zu seiner Berufung in die Schweiz machte Dieter Genske eine steile Karriere. Er studierte Geologie und Ingenieurwissenschaften in Deutschland und den USA, forschte als Humboldt-Stipendiat in Japan, leitete anschließend Projekte für die Bauausstellung Emscher Park sowie das Regierungsviertel in Berlin und habilitierte sich über Schadstoffe im Boden. Die Universitäten Halle und Essen sowie die Technische Universität Delft boten ihm Professuren an. Genske entschied sich für Delft, wo er den Lehrstuhl für Ressourcen-Technologie übernahm. Bald darauf, mit 40 Jahren, gelangte er ans Ziel seiner Wünsche: Die ETH Lausanne berief ihn auf eine Professur für Ingenieurwissenschaften – als Besten von rund 60 Bewerbern.

Die Mobbing-Kommission tagt