Preissystem Wer den Zug verpasst, den bestraft die Bahn
Vom 15. Dezember an gelten die neuen Preise. Fahrgäste, die das System geschickt nutzen, können sparen
Am Sonntag startet mit dem europaweiten Fahrplanwechsel das neue Preissystem der Deutschen Bahn AG. Seit Wochen schon regen sich die Kunden über die angeblichen Verteuerungen auf. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wiegelt ab, es meldeten sich die ewig gleichen Nörgler und Miesmacher zu Wort. Aber ganz so einfach ist das nicht. Die Stiftung Warentest fand heraus: »Viel zu oft müssen die Kunden draufzahlen.« Die Bahn hält dagegen: »Bahnfahren wird für Millionen Menschen so preiswert wie nie.«
Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Wer das neue System geschickt nutzt, spart viel Geld; wer das nicht kann und spontan in den Zug steigt, kommt meistens teurer weg. Flexibilität ist der Schlüssel zum Sparen. Kauft man sein Ticket früh, gibt es den Plan&Spar-Rabatt – von zehn Prozent beim Kauf am Tag vor Reiseantritt bis zu 40 Prozent bei einer Woche im Voraus. Die Zahl der Plätze für Frühbucher ist zwar begrenzt, aber die Bahn beteuert, es gebe (abgesehen zu den Hauptverkehrszeiten) auf jeden Fall genug Platz für Billigfahrer.
Sparen lässt sich aber auch mit der Bahncard, die künftig nur noch 60 Euro statt 140 Euro für die zweite Klasse kostet. Mit ihr gibt es auf alle Preise einen Nachlass von 25 Prozent, auch auf die schon ermäßigten Plan&Spar-Tarife. Bisher ist aber nur jeder zehnte der 30 Millionen Bahnkunden im Besitz einer Bahncard, denn wegen des relativ hohen Preises lohnte es sich für viele nicht. Hier sieht die Bahn eine weitere Chance, Verbilligungen zu nutzen.
Die alte Bahncard behält übrigens ihre Gültigkeit bis zum aufgedruckten Datum, also ein Jahr nach dem Kauf. Wer viel unterwegs ist und schlecht im Voraus planen kann, sollte überlegen, ob er sich nicht vor dem 15. Dezember eine Bahncard der alten Version kauft (am besten im Abo, dann gilt sie 13 Monate). Das kann sich trotz des höheren Preises wegen des 50-Prozent-Abschlags rechnen, auch wenn der nicht für die Sparpreise gilt.
Familien bietet die Bahn eine ganze Reihe von Vergünstigungen. Kinder bis zu 14 Jahren fahren in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern kostenlos; reisen sie allein, zahlen sie grundsätzlich die Hälfte. Hat ein Elternteil die Bahncard, können Partner und Kinder bis zu 17 Jahren ihr eigenes Exemplar für die Bearbeitungsgebühr von jeweils fünf Euro kaufen und damit allein auf Reisen gehen. Bei Kindern unter 15 gibt es den Rabatt von 25 Prozent dann auf den halben Fahrpreis; in der Altersklasse zwischen 15 und 17 gelten die üblichen Verbilligungen (also 25 Prozent auf einen um maximal 40 Prozent ermäßigten Plan&Spar-Sondertarif). Das ist unter Umständen dennoch ungünstiger als beim alten Familiensparpreis, denn für Jugendliche über 17 gibt es keine spezifischen Ermäßigungen mehr.
Keine Vor-, sondern eher Nachteile durch das neue Preissystem haben die Benutzer von Regional- und Nahverkehrszügen. Für sie gilt lediglich die Ermäßigung durch die Bahncard, die attraktiven Verbilligungen durch Frühbuchung sind hier jedoch nicht möglich. Entsprechend laut sind jetzt schon die Klagen von Pendlern, für die sich eine preiswerte Wochen- oder Monatskarte, die es weiterhin gibt, nicht lohnt.
Mit dem Fahrplanwechsel schafft die Bahn praktisch alle Interregios ab. Wenn der Intercity die einzige Alternative ist, steigt der Grundpreis damit beträchtlich. Schlecht dran sind dann die Kunden, die nicht frühzeitig buchen können und für die sich der Kauf einer Bahncard nicht auszahlt. Möglicher Ausweg: eines der günstigen (aber auch an spezielle Bedingungen gebundenen) Länder- oder Wochenendtickets, wie etwa das »Schöne Wochenende«, die im Angebot bleiben.
Der einzige Punkt der Tarifreform, für den es einhellig Beifall gibt, ist die Preisgestaltung für Gruppen. »Eine Person mit Bahncard, bis zu vier zum halben Preis«, heißt die neue Devise. Das heißt auch: zum halben Preis eines bereits verbilligten Tickets. Ab sechs Personen gelten sogar Gruppentarife mit Reduktionen bis zu 70 Prozent. Das Schönste daran: Die Bahn interessiert sich überhaupt nicht dafür, wie oder wann sich die Gruppe gefunden hat. Wichtig ist jedoch, dass wenigstens einer aus der Gruppe eine Bahncard hat.
Alles andere als klar ist die Lage bei Reisen über die Grenze. Hier bietet die Bahn im Prinzip zwei Möglichkeiten: 40 Prozent Rabatt maximal, wenn das Ticket mindestens zwei Wochen vor der Reise gekauft wird; dazu Mitfahrerrabatte für die zweite bis fünfte Person, die den Preis für die gesamte Strecke im besten Fall halbieren. Allerdings haben erst sehr wenige Länder dieser Preisgestaltung zugestimmt. Wer von einem Europasparpreis profitieren will, muss sich von Fall zu Fall kundig machen. Mit einigen Ländern verhandelt die Bahn noch.
Ärger wird es auf jeden Fall wegen der Stornogebühr geben. Viele halten sie für eine Zumutung, weil ein verpasster Zug nicht nur den Preisvorteil der Frühbuchung zunichte macht, sondern auch zu allem Überfluss noch mit einer Gebühr von bis zu 45 Euro abgestraft wird – und das pro Fahrtrichtung und unabhängig von der Höhe des Fahrpreises. Zur Umtauschgebühr kommt auf jeden Fall noch die Differenz zum teureren Normalpreis. Vielleicht kann sich Hartmut Mehdorn doch dazu durchringen, von seiner Meinung abzukommen, dass es »keinen Grund gibt, an unserem Preissystem etwas zu ändern«.
Klaus-Peter Schmid
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
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