Auskunft Alle Preise ohne Gewähr
Wer fünfmal fragt, bekommt fünfmal ein anderes Ergebnis. Im neuen Tarifdschungel der Deutschen Bahn
Einfacher soll das neue Preissystem der Bahn sein und transparenter. Es gibt jetzt die Plan & Spar-Preise, mit denen der Reisende bis zu 40 Prozent Rabatt auf den Normalpreis bekommt – wenn er rechtzeitig bucht. Es gibt eine neue Bahncard, mit 25 Prozent Rabatt auf alle Preise; bisher waren es 50 Prozent. Kinder bis zu 14 Jahren fahren kostenlos, wenn sie mit ihren Eltern reisen. Und es gibt den Mitfahrerrabatt, bei dem bis zu vier Leute für den halben Preis reisen können. Das ist alles neu, klar und übersichtlich. Theoretisch. Aber wie sieht das in der Praxis aus?
Wir haben in Hamburger Bahnhöfen nach dem besten Angebot für eine Teststrecke gefragt und auf der Internet-Seite der Bahn gesucht. Eigentlich müsste immer der gleiche Preis herauskommen. Kundenfreundlich wäre, wenn es auch der günstigste ist. Um die Sache nicht zu komplizieren, haben wir nur eine einfache Fahrt gebucht; in diesem Fall gibt es zehn Prozent Frühbucherrabatt.
Die Teststrecke: Am 18. Dezember möchte Person X von Hamburg via Köln nach München reisen. Ihr Bruder wird am selben Tag mit neuer Bahncard und sechsjährigem Sohn von Greifswald aus ebenfalls nach München fahren. Die beiden werden auch über Köln reisen, weil dort ihre Eltern warten, beides Senioren. Für alle fünf geht es dann gemeinsam von Köln nach München.
Bahnhof Hamburg-Altona
Der Mann hinterm Schalter guckt etwas angespannt. »Wo soll’s hingehen?« Er schüttelt den Kopf. »Oh, das ist ein bisschen kompliziert«, sagt er. »Da nehmen Sie doch am besten zuerst einmal Einzelfahrpreise.« Und rechnet vor: Eine Person ohne Bahncard von Hamburg nach Köln mit dem InterCity kostet 56,20 Euro, wovon noch zehn Prozent Frühbucherrabatt abgehen. Eine Person mit neuer Bahncard und sechsjährigem Kind kostet von Greifswald über Rostock und Hamburg bis Köln 72,80 Euro, minus zehn Prozent. »Von Köln aus sollten alle gemeinsam auf einem Ticket reisen – das ist billiger«, sagt er. »Macht 246,50 Euro.« Er zieht noch den üblichen Rabatt von zehn Prozent ab und fügt lachend hinzu: »Aber allesohne Gewähr.« Was soll man sagen, der Mann wird Recht behalten. Sein Fahrpreis: 337,90 Euro
Bahnhof Hamburg-Dammtor
Die Schalterbeamtin hört sich kurz die Reisepläne an, dann verschwindet sie hinter ihrem Computerbildschirm. Sie macht einen sicheren und kompetenten Eindruck, denn in den nächsten Minuten sagt sie kein Wort; sie fragt auch nichts nach. Stattdessen notiert sie Zahlenkolonnen in ihren Notizblock, oben prangt der Aufdruck »Bescheinigung für den Vorsteuerabzug«. Nach zehn Minuten reißt sie den Zettel aus ihrem Block und legt ihn auf den Tresen. Darauf steht:
28,35 HGW–HH
63,25 HH–K
199,80 K–M
Man kann erahnen, worum es geht. »Das ist dann alles«, sagt sie lächelnd und wünscht einen schönen Tag. Immerhin hat sie einen sensationellen Preis errechnet:291,40 Euro
Hamburg-Hauptbahnhof
»Wenn Sie eine Rückfahrkarte buchen, kann es bis zu 40 Prozent billiger werden,« sagt die Frau hinterm Schalter. Da aber nur die Hinfahrt gebucht werden soll, guckt sie etwas mitleidig. »Dann sind es nur zehn Prozent. Aber auch nur, wenn das Platzkontingent noch ausreicht.« Wie viele Plätze gibt es denn im Zug zu diesem Preis? »Och, das kann ich Ihnen nicht sagen, das kommt halt auf die Auslastung an.« Wissen möchte sie noch, wie alt der Sohn des Bruders ist. »Sechs Jahre? Dann muss ich noch mal neu rechnen, denn das kostet ja was« – sie runzelt sachte die Stirn – »ach nein, dann fährt der Kleine ja kostenlos.« Diesmal berechnet die Schalterfrau lediglich Einzelfahrpreise; sie verzichtet auf den Gruppenrabatt für fünf Personen von Köln nach München. Und die Strecke führt sie mit der regionalen Bummelbahn über Stralsund, von Köln soll es dann für jeden mit dem ICE nach München gehen. Fünf Minuten später steht der Preis fest:345,85 Euro
www.bahn.de
Auf der Internet-Seite der Bahn lassen sich seit dem 1. Dezember die Fahrkarten nach dem neuen Preissystem buchen. Auch hier gibt es zwei Möglichkeiten: die Reise mit Einzelfahrpreisen kombinieren, also für Person X eine Karte von Hamburg nach München über Köln buchen, für ihren Bruder mit neuer Bahncard und Sohn ein Ticket von Greifswald über Köln nach München und von Köln aus eine Karte für zwei Personen nach München. Der Preis mit Frühbucherrabatt von zehn Prozent beträgt dann: 347,65 Euro
Die andere Variante wäre, Person X bucht eine Karte von Hamburg nach Köln, ihr Bruder samt Sohn eine von Greifswald bis Köln, dort buchen sie alle (vier Erwachsene, ein Kind) zusammen ein Ticket zum Gruppentarif. Wohlgemerkt, ein Erwachsener reist mit neuer Bahncard. Nach dieser Rechnung kostet die Fahrkarte:306,05 Euro
Welcher Preis stimmt nun? Bahnsprecher Gunnar Meyer antwortet: »Wenn Streckenführung und Produktklasse stimmen, gibt es für jede Verbindung nur einen günstigen Preis.« Das ist richtig – theoretisch. Die Praxis zeigt anderes: Wer fünfmal fragt, bekommt fünfmal ein anderes Ergebnis.
Franz Lenze
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





