Als Hans-Günter Schmalz das erste Mal nach Afghanistan fuhr, war das Land noch ein Paradies für Kiffer. Hippies auf dem Landweg nach Indien entspannten sich ein paar Tage in Kabul, und die afghanischen Hoteliers hatten sich auf die Vorlieben ihrer Gäste eingestellt: Statt Obst legten sie ein Stück Hasch auf den Nachttisch. Schmalz war nicht wegen Drogen nach Afghanistan gekommen, sondern aus reiner Abenteuerlust. Das war 1977.

Ein Vierteljahrhundert später kehrte er nach Kabul zurück, inzwischen Professor der Chemie. Die Stadt hatte fünf Jahre Steinzeitislamismus hinter sich und zehn Jahre Bürgerkrieg. Ohne Hilfe von außen würde Kabul nie wieder auf die Beine kommen. Schmalz kam diesmal nicht als Tourist: Er war Mitglied einer Delegation des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), die im April dieses Jahres nach Kabul reiste, um beim Wiederaufbau der Universität zu helfen.

Bildung ist ein Schwerpunkt der Aufbauhilfe, die Deutschland im Rahmen des „Stabilitätspaktes Afghanistan“ leistet. Dazu gehört die Rehabilitierung von Schulen- und Hochschulen. Bildung gilt als ein Pfeiler der zivilen Gesellschaft, die in Afghanistan nach Jahren des Krieges mühsam wieder aufgebaut werden muss. „Eine bessere Entwicklungshilfe“, sagt Hans-Günter Schmalz, „kann man nicht leisten.“

Der Wiederaufbau der Uni wird Jahre dauern und Unsummen kosten. In diesem Jahr bewilligte die Bundesregierung 80 Millionen Euro für den Stabilitätspakt Afghanistan. Davon sind 1,9 Millionen Euro für die Universität, viel ist das nicht. Um überhaupt einen Anfang zu machen, hat der DAAD in diesem Jahr 150 afghanische Dozenten zu so genannten Summer- und Winter-Schools nach Deutschland eingeladen, an denen sich Universitäten in Berlin, Bochum, Bonn, Braunschweig, Düsseldorf, Göttingen, Köln und Würzburg beteiligen.

Hans-Günter Schmalz hat in seinem chemischen Institut in Köln zehn Dozenten untergebracht, darunter zwei Frauen. Die meisten sind das erste Mal im Ausland. Fachlich sind sie laut Schmalz auf dem Niveau eines Diplomanden in Deutschland, was angesichts der katastrophalen Bedingungen in Kabul nicht verwundert.

Der Campus der Uni Kabul ist ein Idyll, zumindest auf den ersten Blick. Die Gebäude liegen verstreut in einer parkartigen Anlage, umgeben von Bäumen und saftigen Wiesen. Doch bei näherem Hinsehen zeigen sich die Narben des Krieges. Wenige Tage, nachdem die Mudschaheddin im April 1992 Kabul erobert hatten, begannen sie, sich gegenseitig zu zerfleischen. Die Kämpfe machten vor der Universität nicht Halt. Bis heute fehlen in vielen Gebäuden die Fenster, ebenso Tische und Stühle. Ganz zu schweigen von den teuren Labors der naturwissenschaftlichen Fakultäten. Bei den Chemikern erinnern nur noch Waschbecken daran, dass hier einmal Experimente durchgeführt wurden. Es gibt nicht einmal mehr fließendes Wasser. Bei den Physikern, Biologen und Pharmazeuten sieht es nicht besser aus. In den Bibliotheken ist kein Band jünger als 15 Jahre.

Bücher statt Burka

Die Ziele der Summer-School sind entsprechend bescheiden. „Es geht erst einmal um die Kontaktaufnahme“, sagt Schmalz. „Wir wollen kulturelle Brücken schlagen.“ Bei Raihana Popalzai hat sich der Kulturschock in Grenzen gehalten. Zumindest sagt sie das. Etwas irritiert ist sie nur von Liebespaaren, die öffentlich Zärtlichkeiten austauschen. Raihana Popalzai ist Assistenzprofessorin für Chemie, sie gehört zu den wenigen Frauen in Kabul, die nach dem Sturz der Taliban den Mut hatten, die Burka abzulegen.