Er lebt französisch, er spricht französisch, er arbeitet in Frankreich. Doch Tibor Kiripolsky ist kein Franzose. Er wuchs in Deutschland auf, machte in Böblingen Abitur und studierte anschließend in Stuttgart. Heute arbeitet er als Produktmanager im Pariser Hauptquartier von Alcatel, dem großen französischen Telekommunikationskonzern. „Ich wollte die Tätigkeit in einer Unternehmenszentrale kennen lernen und außerdem in Frankreich arbeiten“, sagt er. Von dort aus koordiniert er seit vergangenem Jahr den Vertrieb von komplexen Netzwerken in Mittel- und Osteuropa.

Der Schwabe ist kein Einzelfall. Während es früher für deutsche Manager schwierig war, im Nachbarland Fuß zu fassen, haben Globalisierung und europäische Integration die Unternehmensgrenzen durchlässiger gemacht. Große Konzerne wie Alcatel, L’Oréal, TotalFinaElf oder Air Liquide, die früher fast ausschließlich einheimische Führungskräfte heranzogen, setzen heute bewusst auf die Stärken ausländischer Manager. Kiripolsky punktet bei Alcatel vor allem mit seiner Auslandserfahrung, die französische Führungskader im mittleren Management selten vorweisen. Obwohl er erst 34 Jahre alt ist, hat er schon drei Jahre in der Slowakei und zwölf Monate in China gearbeitet.

Die Zahl deutscher Manager wächst bei Alcatel, das sich bewusst um einen multikulturellen Führungskader bemüht. „Ende 1998 hat in unserem Pariser Hauptquartier nur ein Deutscher gearbeitet, heute sind es 18“, sagt Alcatel-Personalvorstand Thomas Edig, der von der deutschen Tochter SEL kommt. Er findet, dass sich die Stärken von Führungskräften unterschiedlicher Herkunft hervorragend ergänzen. Die Deutschen hält er eher für „prozessorientiert“, bei Nordamerikanern schätzt er das schnelle Handlungsvermögen, während Franzosen besonders kreativ seien.

Es mangelt an Deutschkenntnissen

Die Aufgeschlossenheit für neue Ideen ist es, die auch Daniela Setzer beim Kosmetikkonzern L’Oréal gefällt. Die 27-jährige Aachenerin – verantwortlich für Kosmetikprodukte für den französischen Markt – arbeitet seit knapp zwei Jahren im Hauptsitz des Unternehmens im Pariser Vorort Clichy. Französisch lernte sie auf einem zweisprachigen Gymnasium. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium in Bayreuth machte sie ein Praktikum bei L’Oréal und wurde später als Nachwuchsmanagerin engagiert. Sie schätzt besonders die internationale Atmosphäre bei L’Oréal. Allein in Frankreich hat der Konzern 47 Deutsche unter Vertrag, davon drei im höheren Management. Weltweit sind rund 60 Nationen vertreten.

Deutschkenntnisse sind in französischen Unternehmen begehrt. Französische Schüler haben aber immer weniger Lust, die Sprache zu lernen, die als besonders schwer gilt. „Dadurch sind die Chancen für Deutsche auf dem französischen Arbeitsmarkt gewachsen“, sagt Hans-Jörg Schlierer, Professor an der angesehenen École de Management in Lyon. Er sieht den Mangel auch auf der unteren Hierarchieebene und berichtet vom Posten der Chefsekretärin in einem großen Unternehmen, der lange nicht besetzt wurde, weil keine Bewerberin ordentlich Deutsch konnte.

Voraussetzung für eine Tätigkeit in Frankreich ist jedoch, dass man die Mentalität seiner Einwohner kennt. In den Büros von Paris geht es anders zu als in Köln, Frankfurt oder München. „Gerade das mittlere Management hat eine andere Funktion“, bestätigt Giselher Schlebusch, Chef der deutsch-französischen Industrie- und Handelskammer in Paris. Leitende Angestellte seien in manchen Unternehmen nur Assistenten. „Sie tragen wenig Verantwortung.“ Gerade deutschen Managern mache das zu schaffen.

Dieser Zustand, der besonders auf die Staatsbetriebe zutrifft, ist eine Folge des französischen Ausbildungssystems, das einseitig die Eliten fördert. Ein Großteil der Spitzenmanager kommt seit Jahrzehnten von den so genannten Grandes Écoles. Diese Hochschulen sind durch ein anspruchsvolles Niveau und hohe Leistungsorientierung gekennzeichnet. Absolventen der Kaderschmiede ENA, der École Nationale d’Administration, etwa steigen bei französischen Unternehmen zum Teil direkt im Vorstand ein. „Dadurch kann es vorkommen, dass auf der unteren und mittleren Ebene die Fachkompetenz fehlt“, sagt Clément Kopp, Geschäftsführer der deutsch-französischen Personalberatung Eurotriade.