Es gibt sie noch, die glücklichen Anleger: Wer in diesem Jahr auf osteuropäische Staatsanleihen gesetzt hat, dem bescherten die Titel aus Zentraleuropa zweistellige Renditen. Osteuropa ist bei internationalen Investoren en vogue. Ausländisches Kapital strömt dorthin, die Währungen werten auf, und die langfristigen Zinssätze nähern sich denen der europäischen Staatsanleihen. In Tschechien liegen die langfristigen Zinsen gar deutlich unter den deutschen, die Notenbankzinsen sind niedriger als die Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB). Niedrigere Zinsen als Deutschland? Dieses Privileg hatte in Europa bislang nur die Schweiz.

Die Investoren spielen keineswegs verrückt. Sie feiern nur die Ankunft des Euro. Seit dem Ja der Iren zur Osterweiterung der EU ist das Vertrauen grenzenlos, dass Polen, Estland und Co. schon bald im Besitz der Einheitswährung sein werden. „Die Entwicklung der ungarischen Anleihen erinnert an jene der griechischen im Jahr 1999“, sagt Dietmar Hornung, Osteuropaexperte der Dekabank. Oder an 1997, als die Erkenntnis reifte, dass die südeuropäischen EU-Länder – immer etwas abschätzig „Club Med“ genannt – doch gute Chancen hatten, den Euro sofort einzuführen. Italien, Spanien, Portugal und Griechenland erlebten einen rasanten Kursanstieg der Staatsanleihen, der ihre Zinsen in die Nähe der deutschen brachte.

Der gravierende Unterschied: Für diese Länder dauerte es noch zwei Jahre, bis sie den Euro hatten. Die Beitrittsländer Osteuropas dagegen müssen mindestens noch bis zum Jahr 2007 warten. Das Risiko von Währungskrisen steigt.

Die Europäische Union zwingt Polen, Tschechien und Co. nach dem Beitritt 2004 in das Europäische Wechselkurssystem II (EWS II). Wenigstens zwei Jahre müssen sich die osteuropäischen Währungen dort bewähren. Das heißt: Der Wechselkurs gegenüber dem Euro wird festgelegt; und diesen Referenzkurs darf die jeweilige Währung dann höchstens um 15 Prozent unter- oder übersteigen. Bricht die Währung aus, müssen nationale Notenbank und Europäische Zentralbank intervenieren. „Die Märkte“, verteidigt die EZB dieses Sytem, sollten den jeweils festgelegten Wechselkurs zum Euro „testen“. Nur so, glauben die Währungshüter um EZB-Präsident Wim Duisenberg, sei auch die Glaubwürdigkeit der Einheitswährung gesichert. Bleiben dann Abwertungen aus und erfüllen die Beitrittsländer gleichzeitig die Maastricht-Kriterien, winkt ihnen als Belohnung später der Euro.

„Stampft diese Währungen ein“

Doch was ist das für ein Test? „In dieser Zeit werden Währungsspekulationen provoziert“, sagt Rainer Schweickert, Währungsexperte am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Daniel Gros geht sogar noch weiter: „Das EWS II mit festen, aber anpassbaren Wechselkursen ist das gefährlichste Währungsregime, das man sich vorstellen kann.“ Deshalb fordert der Leiter des Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel: „Stampft die osteuropäischen Währungen ein und ersetzt sie durch den Euro.“ Nicht nur den Beitrittsländern erscheint dieser Test ihrer Währungen widersinnig. Auch Europas älteste Industrienation, Großbritannien, weigert sich, ins EWS II zu gehen, sollte sie eines Tages doch das Pfund gegen den Euro tauschen wollen. „Wir haben nicht die Absicht, dem EWS II beizutreten“, sagt Schatzkanzler Gordon Brown. Selbst Italien und Finnland, die im Mai 1999 in die Euro-Startergruppe gewählt wurden, hatten weniger als zwei Jahre im EWS II verbracht. „Die Europäische Zentralbank und die Kommission“, mutmaßt Währungsexperte Schweickert, „wollen sich die osteuropäischen Länder ein paar Jahre vom Hals halten.“

Noch machen sich die Investoren an den internationalen Finanzmärkten keine Gedanken über Währungskrisen. Im Gegenteil: Die Rating-Agentur Moody’s hob Mitte November die Bonitätseinschätzung für alle Beitrittsländer kräftig an. Der Prozess der Integration, so die Begründung, sei nahezu unwiderruflich. Deshalb habe sich das Risiko von Währungskrisen und Zahlungsausfällen erheblich reduziert. Wenn man sich da mal nicht irrt. Die Modelle zur Bonitätseinstufung von Dekabank und Deutsche Bank Research senden deutlich pessimistischere Signale.

„Der Zug für Osteuropa fährt eindeutig in Richtung Euro, nur die Ankunftszeit ist ungewiss“, sagt Dietmar Hornung von der Dekabank. Solange die Richtung klar sei, werde das für Vertrauen an den Kapitalmärkten sorgen und schädliche Spekulation verhindern. Doch was, wenn die rasche Einführung des Euro immer unwahrscheinlicher wird? „Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Test der Ränder im EWS II kommt, ist bei den osteuropäischen Ländern größer als bei den südeuropäischen Ende der neunziger Jahre“, erklärt Ulrich Schröder vom Research der Deutschen Bank.