Während sich die Steuerzahler vor allem dafür interessieren, was sie die EU-Osterweiterung kostet, macht die Wirtschaft längst Geschäfte mit den Beitrittskandidaten. Seit Jahren wächst der Warenaustausch zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn. Für Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei ist die deutsche Wirtschaft mittlerweile Lieferant Nummer eins. Die vier Länder hatten 2001 einen Anteil von sieben Prozent am deutschen Export, fast so viel wie Italien, mehr als die Niederlande oder Österreich. Zählt man noch die drei baltischen Staaten sowie Slowenien, Rumänien und Bulgarien dazu, steigt der Anteil auf etwa zehn Prozent, viel mehr Raum nehmen auch die Exporte nach Amerika nicht ein. Polen allein belegt auf der Kundenliste der deutschen Wirtschaft bereits Rang zehn, unmittelbar gefolgt von Tschechien.

Die Kauflust im Osten ist eine Wohltat für die hiesige Konjunktur. Da die Konsumenten in Deutschland ihre Brieftaschen geschlossen halten und auch die Investitionen nicht florieren, ist der Export zurzeit das einzige Stimulans für das bescheidene Wachstum. Zwar nahmen im ersten Halbjahr 2002 die Exporte in die USA und in die EU-Länder ab, aber gleichzeitig wuchs die Warenausfuhr in die mittel- und osteuropäischen Länder. „Gegenüber dem Vorjahr weniger stark, aber immer noch beträchtlich“, wie der Wirtschafts-Sachverständigenrat vor ein paar Wochen in seinem Gutachten feststellte. Schon heute hängen viele Jobs vom Ostgeschäft ab. Es sichert, so eine grobe Schätzung aus dem Bundeswirtschaftsministerium, etwa 100000 Arbeitsplätze.

Der Osthandel ist keine Einbahnstraße. Die Deutschen kaufen immer mehr Waren aus den östlichen Beitrittsländern. Tschechien zum Beispiel vertreibt 40 Prozent seiner Exporte in der Bundesrepublik, seinem wichtigsten Absatzmarkt; das tschechische Defizit im bilateralen Handel ist nur noch gering. Polen schaffte 2001 sogar einen positiven Saldo im Handel mit Deutschland – trotz des starken Zloty.

Wenn die Grenzen 2004 definitiv fallen, dann werden im Osten Europas die letzten noch existierenden Handelsschranken verschwinden. Das bedeutet vor allem mehr Sicherheit und weniger formale Hindernisse für die deutsche Exportwirtschaft, aber keine schockartigen Impulse, dafür sind die Handelsbeziehungen schon zu stark entwickelt. Schließlich konnte die deutsche Wirtschaft zwischen 1993 und 2001 ihre Exporte in die östlichen Beitrittsländer bereits um fast 200 Prozent steigern. Und die Länder Mittel- und Osteuropas bleiben nach Einschätzung des BDI der „bedeutendste Wachstumsmarkt für die deutsche Exportwirtschaft“. Klaus-Peter Schmid