Frau K., eine berufstätige Akademikerin, ist Mutter von drei Kindern. Ihre Familienplanung hatten sie und ihr Mann zunächst gut im Griff. Das erste Kind kam kurz nach der Zwischenprüfung – im Studium habe man schließlich noch mehr Freiräume für die Kindererziehung als später im Berufsleben. Das zweite Kind wurde kurz vor der Diplomprüfung geboren. Bis sie zu arbeiten anfangen würde, so kalkulierte Frau K. damals, wäre es dann bereits im Kindergartenalter. Dann aber kündigte sich ungeplant ein drittes Kind an. Der Versuch, Kindererziehung und Beruf miteinander zu vereinbaren, drohte zu scheitern. „Da war ich sehr, sehr traurig und fertig“, sagt Frau K. Doch es gab einen Ausweg. Eine Nachbarsfamilie beschäftigte ein slowakisches Au-pair-Mädchen als Kinderbetreuerin. Weil es dort gut zu funktionieren schien, entschied sich Frau K., die Cousine der jungen Slowakin für die eigene Familie nach Deutschland zu holen.

Frau K. ist mit ihr zufrieden. Die slowakische Hausangestellte kümmert sich um die drei Kinder, macht das Mittagessen und erledigt andere Haushaltsarbeiten wie Aufräumen und Putzen. Frau K. kennt drei weitere Familien in in ihrem kleinen Heimatdorf, die ihrem Beispiel gefolgt sind und sich eine Au-pair-Frau kommen ließen. Die Tatsache, dass es keine angemessene örtliche Infrastruktur mit Ganztageskindergärten und Krabbelgruppen gab, beförderte diese Entscheidung.

Der Au-pair-Arbeitsmarkt war einst als eine Form des Kulturaustauschs entstanden: Gerade für junge Frauen galt dies als günstige Möglichkeit, bei freier Kost und Logis und für ein kleines Taschengeld Auslandserfahrungen zu sammeln. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 aber hat sich der Markt dramatisch verändert. Bis zur Wende kamen vor allem Frauen aus Westeuropa und den USA in deutsche Familien. Seither sind es überwiegend Osteuropäerinnen. Wie die Studie einer deutschen Organisation für Frauenrechte ergab, ist ihr Anteil zwischen 1989 und 1996 auf über 90 Prozent der offiziell nach Deutschland vermittelten Au-pairs gestiegen; die meisten davon kommen aus Polen, der Slowakei oder der Ukraine. Diese Entwicklung ist auch in anderen westeuropäischen Ländern zu beobachten. Weil die Möglichkeiten legaler Migration begrenzt sind, wird die Au-pair-Stelle zu einem viel begehrten und genutzten Sprungbrett in den Westen.

Viele osteuropäische Au-pairs versuchen, ihre Arbeit auch nach Ablauf ihres dafür speziell erteilten einjährigen Visums fortzusetzen – ohne Papiere. Sie nutzen die Dreimonatsfrist, in der man sich als Tourist ohne Visum in Deutschland aufhalten darf, reisen legal ein und arbeiten undokumentiert als Putzkräfte oder Kindermädchen – oft in derselben Familie, für die sie vorher legal tätig waren. Nach Ablauf der drei Monate kehren sie wieder nach Hause zurück, um bald erneut als „Touristen“ wiederzukommen. So habe ich während meiner zweijährigen Forschung in Deutschland und der Slowakei Au-pair-Frauen getroffen, die über einen Zeitraum von fünf Jahren und länger ein Leben in ständiger Bewegung zwischen ihrem Arbeitsort und ihrer Heimat führten. Für einige ist die Arbeit in deutschen Haushalten ein wichtiger Zuverdienst, für viele die einzige Einkommensquelle für die Familie zu Hause.

Wie Studien über die „neue Dienstmädchenfrage“ belegen, ist „migrantische Hausarbeit“ – also die Erledigung von Dienstleistungen im Haushalt durch Arbeitsmigrantinnen – in ganz Europa zu einer Wachstumsbranche geworden. Nicht nur Länder, die seit je Migrantinnen als Hausarbeiterinnen beschäftigen, verzeichnen eine Zunahme. Auch in Deutschland steigt die Nachfrage nach personenbezogenen Diensten aller Art in Privathaushalten. Wegen der hohen Dunkelziffer – viele Dienstverhältnisse werden nie angemeldet – ist eine statistische Erfassung dieses Marktes schwierig. Schätzungen zufolge haben jedoch im Jahr 2000 7,6 Prozent der bundesdeutschen Haushalte regelmäßig eine Migrantin beschäftigt. Weitere vier Prozent heuerten gelegentlich die Dienste von Haushaltshilfen an.

Es entsteht so ein neues Profil weiblicher Arbeitsleistung, das weder in den Rahmen nationaler Arbeitsmarktgesetze passt, noch von den Kriterien der Zuwanderungspolitik ausreichend erfasst wird. Und wir können annehmen, dass die osteuropäische „Pendelmigration“ von heute nur eine Vorbotin künftiger globalisierter Wirtschaftsformen im häuslichen Dienstleistungsbereich ist. Auch über den europäischen Kontinent hinaus wird die Zuwanderung weiblicher Hausarbeiterinnen zunehmen. Denn Au-pairs schließen eine wesentliche Lücke im deutschen Dienstleistungsmarkt. Nach Aussagen deutscher berufstätiger Frauen passt das einheimische Angebot an Hilfskräften, die nur stundenweise zur Verfügung stehen, nicht zu ihrem Lebensrhythmus, der von unregelmäßigen Arbeitszeiten und langen Arbeitstagen bestimmt wird. Auch der unter diesen Umständen entstehende Reigen wechselnder Betreuerinnen für die Kinder entspricht nicht ihren Vorstellungen von Erziehung, die sich nach wie vor am traditionellen Idealbild der Geborgenheit in einer Kleinfamilie orientieren. Da kommt eine Au-pair-Frau, die rund um die Uhr anwesend und flexibel einsetzbar ist, wie gerufen.

In einigen europäischen Ländern sind zugewanderte Hausarbeiterinnen ein sichtbarer Teil der Gesellschaft. Ihre Problematik wird offen diskutiert und erforscht. Länder wie England, Spanien, Italien oder Zypern gewähren für diese Frauen spezielle Einreise- und Aufenthaltsgenehmigungen. In Deutschland dagegen existieren sie immer noch weitgehend im Verborgenen, offizielle Stellen tun noch immer so, als gäbe es diesen Sektor nicht. Bisher war das eine Folge der restriktiven deutschen Einwanderungspolitik. Doch auch in der jüngsten Zuwanderungsdebatte spielte das privatisierte Arbeitsmarktsegment Haushalt keine Rolle. Der Paradigmenwechsel nach knapp 30 Jahren Anwerbestopp soll offenbar nur für spezifische Sektoren der globalisierten Wirtschaft gelten. So genannte „gering qualifizierte Berufe“ bleiben aus der neuen symbolischen Ordnung der spätmodernen Einwanderungsgesellschaften ausgeschlossen.