Siegfried Schmidtke ist einer, der sagt, wenn er etwas er auf dem Herzen hat, und manches, das sagt er deutlich, findet er einfach »Kacke«. Die Sache mit dem Haus, die geht ja noch. Eine Doppelhaushälfte im Kölner Vorort Weiden, 140 Quadratmeter, kleiner Garten, wirklich nicht groß, wenn man in Deutschland drei Kinder hat. Nur leider führt hinter der nächsten Häuserreihe die Autobahn vorbei, so dicht befahren, dass man den Verkehr auch auf die Standspur lässt. Richtig laut sei es erst, wenn man im Sommer im Garten sei, sagt Schmidtke. Er sitzt neben seiner Frau auf dem Sofa. Die Wände des kleinen Wohnzimmers sind ockerfarben gestrichen, wie die Häuser in der Toskana, durch das geschlossene Fenster dringt auf- und abschwellendes Brummen, und Felix, 12, Mona, 9, und Lisa, 6, krabbeln kreischend und kichernd auf ihrem Vater herum.

Als Lisa groß und den Schmidtkes ihre alte Mietwohnung zu klein wurde, aber eine noch größere Mietwohnung auf Dauer viel zu teuer gewesen wäre, vor vier Jahren war das, schauten sie sich auch Häuser auf dem Land an, in der Eifel, eine halbe, dreiviertel Autostunde vom Stadtrand entfernt. Den Ausschlag gab dann Siegfried Schmidtkes Schwiegermutter. Die lebt auf der anderen Seite der Autobahn in Köln-Junkersdorf und wollte unbedingt, dass die Enkelkinder in ihrer Nähe wohnen. Und Siegfried Schmidtke, 48, und seine Frau Birgitt, 42, hätten das Geld für die Anzahlung des Hauses nicht allein aufgebracht.

Überhaupt spielt Geld im Schmidtkeschen Haushalt eine große Rolle, weil nicht so viel davon da ist. Kinder kosten, vor allem, wenn es drei sind. Um den 20. jedes Monats dreht Schmidtkes Gehaltskonto ins Minus. Das führt zu Einschränkungen, und die gipfelten darin, dass sich Familie Schmidtke mit dem deutschen Staat anlegte.

Am 20. jedes Monats ist das Konto im Minus

Wegen der Sozialversicherung, die Siegfried Schmidtke nur noch »Asozialversicherung« nennt, und wegen des Generationenvertrages, der vorsieht, dass die Jüngeren den Älteren eine anständige Rente bezahlen, in der Hoffnung, dass irgendjemand später auch ihnen eine anständige Rente bezahlt. Eine Hoffnung, die sich spätestens in diesen Wochen, mit lautstarken Debatten in der Politik, mehr und mehr zur Illusion wandelt. Schmidtkes hätten es so machen können wie viele andere, die in der Kneipe auf den Tisch hauen und ein bisschen herumpoltern, über Betrug und Schweinesystem, bis sie sich wieder beruhigt haben. Denn man kann ja sowieso nichts ändern.

Schmidtkes haben es anders gemacht. Sie sind vor Gericht gezogen. Sie wollen nicht mehr in die Rentenkasse einzahlen.

Wir können uns das einfach nicht leisten, sagt Siegfried Schmidtke.

Man kann nicht behaupten, dass Herr Schmidtke übermäßig schlecht verdient. Der diplomierte Psychologe erhält bei einem Kölner Verlag ein Jahresgehalt, das so ziemlich den 28518 Euro des angestellten deutschen Durchschnittsverdieners entspricht. Die Schmidtkes sind trotzdem überdurchschnittlich gekniffen. Was weniger daran liegt, dass Birgitt Schmidtke, statt dazuzuverdienen, Kinder und Haushalt managt, denn in ihrem Beruf als Erzieherin bekäme sie kaum mehr, als währenddessen eine Tagesmutter für die eigenen Kinder kosten würde. Auch an den 450 Euro monatlichem Zins und Tilgung für das Haus liegt es nicht; viele Familien zahlen mehr Miete.

Siegfried und Birgitt Schmidtke tragen die finanzielle Verantwortung für sich und für zwei weitere Generationen. Da sind zum einen die Ausgaben für die Kinder. Und zum anderen die Abgaben für die Älteren. Siegfried Schmidtke bezahlt über 500 Euro im Monat an die Sozialversicherung, davon allein 250 Euro in die Rentenkasse. Das ist ziemlich genau die Summe, die Schmidtkes immer wieder ins Minus treibt.