Luis Praxmarer sah den Crash kommen. Der Geschäftsführer der internationalen IT-Beratung Meta Group war einer der wenigen, die bereits im Sommer 2000 die Qualität der Aktienbewertung am Neuen Markt rügten: Die wenigsten Finanzanalysten, sagte Praxmarer, seien tatsächlich in der Lage zu beurteilen, ob die Kunden die Produkte wirklich wollten und wie sich die technischen Trends entwickelten. Ein internes Rating der Meta Group beschied 70 Prozent der im Neuen-Markt-Index Nemax gelisteten High-Tech-Firmen eine mangelhafte Substanz, nur sieben Prozent kamen in die Bestgruppe. Was folgte, war die bittere Bestätigung der These durch die Realität.

Bloß: Wie glaubhaft ist die Arbeit der Analysten heute?

Seit dem jähen Ende der New Economy und dem Absturz von hoch gelobten und noch höher bewerteten Wachstumstiteln wie Brokat, EM.TV und Infineon herrschen Misstrauen und Verunsicherung. Offensichtlich taugten die Kennzahlen, Modelle und Einschätzungen, mit denen Analysten damals operierten, nur sehr bedingt zur realistischen Beurteilung der Unternehmensentwicklung. Traditionelle Bewertungsmethoden, die etwa auf Gewinn und Umsatz abstellen, versagten in den Hoffnungsbranchen Technologie, Medien und Telekommunikation (TMT). Im Rückblick schütteln darüber auch die Profis den Kopf, doch „als Fondsmanager konnten sie sich dem allgemeinen Trend kaum entziehen“, sagt Udo Rosendahl, Fondsspezialist bei Deutschlands größtem Investmenthaus DWS. „Wer sich als Traditionalist outete, wurde aus dem System gedrängt.“

Heute haben die Traditionalisten wieder Oberwasser und mit ihnen Unternehmen, die als bewährt gelten, so genannte Value-Titel. „Was zählt, ist Qualität, Qualität, Qualität“, sagt Rosendahl. Die Stimmung ist so konservativ, dass vereinzelt schon Kritik laut wird. „Der Markt lehnt alles ab, was auch nur entfernt nach Vision aussieht“, beobachtet der Frankfurter Börsenspezialist Joachim Goldberg, Chef des Analysehauses Cognitrend. „Diese Risikoaversion ist regelrecht innovationsfeindlich.“

Heute legen die Analysten wieder die klassischen Maßstäbe an. Sie orientieren sich etwa am Verschuldungsgrad, am Cash-Flow, am Kurs-Gewinn-Verhältnis und an der Kurs-Buchwert-Relation (siehe Kasten). Allerdings: Deren Aussagekraft ist begrenzt.

Gute Analysten steigen daher tief in die Materie ein, beschäftigen sich mit der Produktentwicklung, der Kundenstruktur und den Bruttomargen ebenso wie mit der Strategie und den langfristigen Wachstumsaussichten. Annette Blumenthal von der Bayerischen Landesbank etwa analysiert bei Pharmafirmen die Top-Produkte („Blockbuster“) einzeln und gibt für jedes eine Umsatzprognose. So lange, bis mindestens 70 Prozent des Gesamtumsatzes erreicht sind. „Das ist als Bewertungsgrundlage für die Unternehmensentwicklung unverzichtbar“, meint sie, „kostet allerdings viel Zeit“ – schließlich müssen die Daten ständig aktualisiert werden. Eine Arbeit, die sich jedoch auszahlt: Der Londoner Informationsservice AQ Publications kürte Blumenthal unlängst zur besten Analystin Deutschlands.

Selbst Kritiker Praxmarer sagt, dass die Qualität der Analysen inzwischen gestiegen sei, auch weil die oft sehr jungen Analysten „an Erfahrung gewonnen“ hätten. Ein kaum lösbares Problem ist jedoch, dass die meisten Basis-Informationen von den Unternehmen selbst geliefert werden – und daher in der Regel eher optimistisch ausfallen. Das ist der Vorteil von Branchenexperten wie Praxmarer & Co.: Sie kennen nicht nur die Anbieter, sondern auch deren Kunden und ihre Zufriedenheit mit den Produkten. Sie wissen, wohin sich die Technologie entwickelt und ob es den Unternehmen gelingt, sich rechtzeitig auf veränderte Marktbedürfnisse einzustellen.

Für die Bewertung eines Unternehmens spielen aber nicht nur technische Fakten eine Rolle, sondern auch psychologische. Peter E. Huber, Fondsmanager von Starcapital, kaufte unlängst ein Aktienpaket des krisengeschüttelten Elektrotechnikkonzerns ABB, weil dort Jürgen Dormann im September die Führung übernahm. „Dormann hat bei Aventis gezeigt, dass er sich durchsetzen und auch gegen Widerstände einen zukunftsträchtigen Konzern formen kann“, sagt Huber. Die Kursentwicklung gibt ihm Recht: Seit Ende Oktober liegt die Aktie im Aufwärtstrend. Auch die Dividende erlebt derzeit eine Renaissance. Mancher fühlt sich schon an die sechziger und siebziger Jahre erinnert: Wer damals Aktien hielt, war dem Unternehmen häufig persönlich verbunden, etwa als Arbeitnehmer, und stolz darauf, ein Stück Firma zu besitzen. Zur Hauptversammlung warf man sich in Anzug und Krawatte und betrachtete die Dividende als angenehmes Zubrot, als eine Art Treue-Bonus.