Von der Interstate 81, Ausfahrt 80, ist es nicht mehr weit. Elf Kilometer noch, über weiche Hügel, durch sanfte Senken, vorbei an herausgeputzten Milchfarmen, bildschönen Bauernhäusern, lichten Wäldchen. Eine lang gestreckte Rechtskurve, und da liegt es: das Städtchen Hershey. Von dem man zunächst nichts außer riesigen Parkplätzen sieht. Endlose geteerte Flächen mit weißen Markierungen. Dazwischen die Outlets at Hershey, die Hershey Arena, das Hershey Stadium. Umdrehen, zurück auf die Interstate ist der erste Reflex. Aber die Sonne scheint so schön auf den Hershey-Park und seine 60 Fahrgeschäfte. Die hölzerne Achterbahn spiegelt sich in dem silbernen Turm, an dem rasend schnell die Fahrgastkabine rauf- und runterfährt. In diesem Licht leuchten die Schlote der größten Schokoladenfabrik der Welt, gleich hinter dem Freizeitpark, rötlich.

Hershey in Pennsylvania, der »sweetest place on earth«, ist eine besondere Kleinstadt. Drei Millionen Gäste, Familien, Busgruppen, Schulklassen, rund 100000 ausländische Touristen, kommen jährlich in die 12700-Einwohner-Gemeinde, die drei Stunden von New York entfernt liegt. Der Name des Firmen- und Stadtgründers, Milton S. Hershey, ist in der Stadt allgegenwärtig. Alles ist nach ihm benannt, Schulen, Theater, das Krankenhaus, das Museum, sogar das Eishockey-Team. Zu Recht, sagen die Einheimischen, denn von 1905 an baute Hershey neben seine Schokoladenfabrik, edel, wohltätig und großzügig, wie er war, mitten in die Öde Pennsylvanias Häuser, öffentliche Einrichtungen und Parks für seine Angestellten. In seinen vier Süßwarenfabriken sind die meisten Einwohner Hersheys beschäftigt. Sie leben gut von der Schokolade.

Kakao kommt von Palmen, Milch von muhenden Plüschkühen

Zu Recht, sagt auch Brad, der Touristen auf einer Bustour durch die Stadt führt, fast allesamt Rentner, viele Männer mit Baseballkappen, lockeren Hemden, karierten Hosen, Digitalkameras, einige Frauen mit hochgetürmten Haaren, viel Lippenstift und bunten Kleidern. Brad erzählt die Geschichte Milton S. Hersheys, die von schwieriger Kindheit handelt, von Armut, Geschäftsideen, davon, dass amerikanische Soldaten die Schokolade nach dem Zweiten Weltkrieg überall in Europa verteilten und Hershey damit seinen Siegeszug antrat. Vom Karamellbonbonmacher zum Millionär, dessen Name heute fast so bekannt ist wie der von Coca-Cola und McDonald’s. Brad trägt dunkelblaue Hosen mit Goldtressen und Hosenträger, ein weißes Hemd, eine dunkelblaue Schirmmütze. »Nach einigen missglückten Firmengründungen in anderen Städten«, sagt Brad, »kehrte Hershey in seine Heimatstadt Derry Township zurück und errichtete sein Imperium auf der grünen Wiese.« Eine kluge Wahl, denn dort gab es viel frisches Wasser und Milchkühe, wichtig für die Schokoladenproduktion, Kalkstein, um die Fabrik und die Angestelltenhäuser zu bauen, und gute Verkehrsanbindungen, um Zucker und Kakaobohnen aus Kuba, Ghana und Indonesien zu importieren. Eher unabsichtlich plante Milton S. Hershey den Tourismus mit ein, vermutet Todd, ein Angestellter. »Es ist zwar nicht Disneyland. Aber für unsere Kinder ist es spitze, dass wir all diese Attraktionen direkt vor der Haustür haben.«

Nein, Hershey ist nicht Disneyland. Aber es sieht fast so aus. In der Chocolate World laufen die Süßigkeiten als Plüschcharaktere umher, freundliche Gesellen mit krummen Beinen, weit aufgerissenen Augen und lachenden Mündern. Eine Führung durch eine nachgebaute, kindgerechte Fabrik zeigt, wie Schokolade hergestellt wird. Kakao kommt von Palmen, heißt es, Milch von muhenden Plüschkühen aus Pennsylvania, Mandeln fallen von anderen großen Bäumen. Begeisterung kommt bei dem kurzen Video auf, das die Ernte zeigt. Gewaltige Rüttelmaschinen schütteln die Früchte von den Bäumen, Mandelregen, untermalt von Musik. Es geht durch einen Röstofen, die Luft erwärmt sich, vorbei an riesigen Behältern, in denen zähe Schokoladenrohmasse gerührt wird, entlang an Verpackungsmaschinen, Weltkarten mit Vertriebskarten, dann wird es still und dunkel. Und plötzlich, hinter der nächsten Ecke, bricht das Inferno los, hier wird der Hershey-Werbesong gespielt, Licht, Glitter, Bilder, auf denen Menschen aller Geschlechter, Ethnien, Altersgruppen Schokolade essen. Dann ein Blitz, noch einer und noch einer: Die Erinnerungsfotos gibt es am Ausgang, der Besucher ist wunderbar getroffen, mit weit aufgerissenen Augen, vor ihm seine zwei schokoladenverschmierten Kinder.

In Brads Bus, der aussieht wie eine uralte Straßenbahn und zu seiner Schaffneruniform passt, geht es anschließend quer durch Hershey. Im Zentrum kreuzen sich Chocolate und Cocoa Avenue, die Parallelstraßen heißen Caracas oder Java Avenue, benannt nach den Orten, an denen Hershey Rohstoffe kaufte. Die Straßen sind gesäumt von weißen Holzhäusern wie überall in Pennsylvania. Es gibt kaum kleine Läden, geschweige denn eine Fußgängerzone, dafür liegt hier die Fabrik. Ihre zwei großen Schornsteine, an denen in weißen Lettern »Hershey« steht, und die riesigen Silos, in denen Hershey Foods die Kakaobohnen lagert, überragen alles. Die Produktionshallen erscheinen, wie das gesamte Stadtbild, zusammengesetzt, gestückelt, eine seltsame Mischung von Baustilen. Wie ein Schloss wirkt die Fabrik mit ihren Türmchen und Zinnen, andere Teile sehen aus wie eine moderne Kathedrale, mit bräunlichen, spiegelnden Fenstern, eingesetzt in den hellen Kalkstein.

3000 Leute arbeiten dort in drei Schichten rund um die Uhr, sagt Brad, sieben Tage die Woche, stellen 1500 Hershey’s Chocolate-Riegel pro Minute her. Die Busgäste sagen »Aaah«. Das sind 100 alle vier Sekunden, sagt Brad, und die Gäste rufen »Oooh«. Nur als Brad die Dosen mit den Kisses, Hugs und Caramels herumreicht, freuen sie sich noch mehr. Für Milton S. Hersheys führende Angestellte gab es auch Geschenke, ein großzügiges Kalksteinhaus auf einem Hügel zum Beispiel. »Geschenke«, sprechen die Besucher ehrfürchtig nach. Der Großindustrielle meinte es meist gut mit seinen Untergebenen, heißt es.

Lana, Darlene und Tanya gehören zur Hershey-Schicht, die gegen drei Uhr Schluss hat. Mit ihren Kollegen laufen sie über die Chocolate Avenue, in blauen Hosen, bordeauxroten oder blauen T-Shirts, ihre Vornamen auf der rechten, »Hershey« auf der linken Brustseite eingestickt. Sie tragen noch diese Hygienehauben aus blauer Plastik oder weißem Netz. Sie scherzen, lachen, endlich wieder unbeschwert, nachdem die Verantwortlichen Mitte September verkündet hatten, dass Hershey nicht verkauft wird, die Jobs, der relative Wohlstand für eine ganze Region weiterhin sicher sind. Denn der Milton Hershey School Trust, der die Mehrheit der Aktien an der Firma hält, plante, diese abzustoßen, um Beteiligungen an anderen Unternehmen kaufen zu können.