die zeit: Herr Bundespräsident, in diesen Tagen schicken aufgebrachte Bürger dem Bundeskanzler ihr „letztes Hemd“, der Vorsitzende der FDP-Bundestragsfraktion fordert, die Finanzämter durch Dauertelefonate lahm zu legen. Haben Sie Verständnis für den Volkszorn, der sich da in manchmal skurriler Form artikuliert?

Johannes Rau: Für diese skurrilen Formen habe ich kein Verständnis. Die Bundestagswahl war eine knappe Entscheidung, und ich halte es nicht für sachgerecht, dass man jetzt den Wahlkampf weiterführt. Nach den Wahlen muss entschieden und gehandelt, müssen Entwurf und Gegenentwurf gegeneinander gestellt werden. Das erkenne ich zu wenig.

zeit: Die Bürger, die sich zornig und empört äußern, führen keinen Wahlkampf.

Rau: Es sind angeregte Bürger, hinter vielen dieser Aktionen steht die Anregung, etwas zu tun. Der Vorschlag, Finanzämter lahm zu legen, kommt von einem politisch Agierenden.

zeit: Arnulf Baring hat die Bürger auf die Barrikaden gerufen, Oskar Lafontaine spricht von brüningscher Politik.

Rau: Ich will mich nicht zur Aufforderung von Baring äußern. Ich erinnere mich, dass Willy Brandt dessen Buch Machtwechsel nicht gerne mit seinem Autogramm versah, weil er es in einigen Teilen für eine Verzerrung hielt. Ich kann das nicht beurteilen. Aber ich glaube, dass dieser immer wiederkehrende Versuch, über bestimmte Schlagworte eine öffentliche Entwicklung herzustellen und zu fördern, falsch ist.

zeit: Wie erklären Sie sich den neuen Ton? Brüning, Weimarer Republik – das hatte man so bisher nicht gehört. Von Wahlbetrug ist die Rede.