Die Kunst am Ende des Jahrtausends - eine einzige Katastrophe. Sie existiere nur noch durch bloße Selbstbehauptung, schrieb der französische Schnelldenker und Philosoph Paul Virilio 1998. Sie sei mal "erbarmungswürdig", mal "erbarmungslos", weil sie in ihrem Hass und ihrer Unmittelbarkeit, ihrer Gesellschafts- und Selbstverstümmelung "die Schamlosigkeit der Profanatoren und Folterer, die Arroganz der Henker" zeige.

Virilio war mit der Kunst am Ende.

Wenn er nun dennoch als Kurator für eine Kunstausstellung auftritt, zu sehen in Paris unter dem Titel Ce qui arrive, dann nicht etwa, um seine scharfen Attacken zurückzunehmen. Vielmehr missbraucht er die Gegenwartskunst als Feigenblatt für eine kleine Schau der großen Worte, die sich schamhaft gibt und doch nur verschämt ist. Thema ist das obszönste Phänomen der Gegenwart: die Katastrophe. Aber anstatt Kunst und Künstler zu Fragen einzuladen, will Virilio nur Antworten geben. Deshalb reiht er Film- und Fotomaterial des vergangenen Jahrhunderts auf, vom Zugunglück am Pariser West-Bahnhof bis zur Explosion des Raumfähre Challenger, von Soweto über Tschernobyl und Eschede bis zum World Trade Center. Es geht ihm um Abstraktes, um Phänomene und Prozesse, es geht ihm nicht um Körper. Deshalb zeigt er weder Leid noch Leichen. Das erinnert an die autoritäre Medienzensur der amerikanischen Regierung im qualmenden Ground Zero: Man schützt Menschenwürde vor, wenn man Spott über die Niederlage fürchtet.

Virilio reduziert menschliche Tragödien auf ein Technologie-Ereignis. Für Hannah Arendt waren Fortschritt und Katastrophe zwei Seiten derselben Medaille, für Aristoteles gibt erst der Unfall die Substanz preis. Diesen Gedankengang führt Virilio weiter. Er versteht den Unfall als Folge der Geschwindigkeit, die er seit 1977 in seiner Dromologie als wichtigstes Phänomen des 20. Jahrhunderts beschwört. "Ohne die Erfindung des Schiffs gäbe es keinen Schiffbruch, ohne den Düsenjet keinen Crash, ohne Atomkraft kein Tschernobyl." Der Unfall beschleunigt für ihn das heutige Leben, die Politik - und die Kunst. Doch weil Virilio dieser Kunst nicht traut, stützt er sich lieber auf dokumentarisches Material, auf Fotografien der Presseagenturen und auf Fernsehberichte des staatlichen französischen Medieninstituts INA. Eine Atmosphäre des Objektiven will Virilio mit seinen Archivmaterialien erzeugen, und deshalb sind die Künstler allein als Zuschauer gelitten und dürfen Bilder zeigen, die bewegt sind, aber nichts bewegen.

Nur vom Kassenhäuschen aus wirkt Ce qui arrive wie eine Kunstausstellung.

Denn das gläserne Erdgeschoss des Ausstellungsgebäudes, der Fondation Cartier, wird von Nancy Rubins und Lebbeus Woods auf spektakuläre Weise umprogrammiert. Die amerikanische Bildhauerin, Spezialistin für eine Aufhäufung gewalttätigen Unglücks, hat ihre monumentale Arbeit MoMA & Airplane Parts von 1995 den Ausmaßen von Jean Nouvels Gebäude angepasst. Fünf Tonnen Flugzeugwrack hängen in prekärem Gleichgewicht über dem Boden, ein vielleicht überdeutliches, jedenfalls eindringliches Bild für den Augenblick zwischen Flug und Fall.

Was hat ein Künstler am Ground Zero zu suchen?