RomanKarpfen im Hechtteich

Der australische Autor Richard Flanagan liebt die Fische und die Unverbindlichkeit von Rathjen

Mit seinem schuppenreichen Roman Goulds Buch der Fische kommt der australische Schriftsteller Richard Flanagan ein knappes Vierteljahrtausend zu spät. Und das ist eine ganze Menge. Flanagan scheint angetreten, in den olympischen Disziplinen des „Höher-Schneller-Weiter“ zu brillieren; mehr Einfälle, mehr Personal und mehr Geschichten als er hat schon lange kein Autor mehr in einem einzigen Roman zu vermengen gesucht. Dennoch kann Flanagan sich am Ende keine Goldmedaille umhängen lassen, denn in keiner einzigen Disziplin kommt er als Erster ins Ziel.

Der Geschichten, die hier erzählt und auf bisweilen halsbrecherische Weise verknüpft werden, sind wahrlich unzählbare. Vielleicht liegt das daran, dass Flanagan sich nach Kräften bemüht, von allen wahren Geschichten nur die unwahren zu erzählen, und die sind nun einmal so unendlich wie die Tropfen im Meer. Echte Wahrheiten hingegen bleiben grundsätzlich ausgespart. Der Erzähler nennt die „wahren Erinnerungen, von denen ich nichts erwähnte“, den „Ballast für all die Lügen, die ich in die Welt setzte“. Hinreichen kann dieser Ballast kaum. Versuchen wir, das Geflecht der unendlich vielen Geschichten zu entwirren.

Geschichte eins ist die Rahmenhandlung, im Vorklapp erzählt von einem gewissen Sid Hammet, der davon lebt, dass er Antiquitäten fälscht und an amerikanische Touristen verhökert. Bei seinen Streifzügen durch tasmanische Rumpelkammern stolpert er über ein höchst seltsames Buch, das er ein Weilchen mit sich herumträgt und schließlich zu veröffentlichen hofft: Es ist das handschriftliche Buch der Fische eines Sträflings aus dem frühen 19. Jahrhundert, von dem ansonsten nur Aquarelle überliefert sind. Schließlich zerrinnt das Buch vor den Augen Hammets zu Wasser, und Hammets einzige Möglichkeit, es zu retten, besteht darin, es zu fälschen, es nämlich aus seinem Gedächtnis aufzuschreiben, so gut es geht.

Geschichte zwei ist das, was Hammet also aus seinem Kopf rekonstruiert hat, ein ausuferndes, mit allen Wassern der Rhetorik und der flüssigen Schreibe gewaschenes Manuskript, in dem besagter Häftling von sich und der Welt Zeugnis ablegt. Geschrieben hat er das Buch in der Todeszelle des Straflagers auf Sarah Island vor der tasmanischen Küste. Diese Zelle ist eine Art Gezeitenkäfig, ein flacher Bau, der zweimal am Tag von der Flut so weit überschwemmt wird, dass der Häftling, wenn er sich an die Decke klammert, nur eben noch Luft genug zum Atmen hat.

Geschichte drei ist die der Entstehung des Buchs der Fische. Gould hat einmal als Gehilfe bei einem Londoner Lithografen gearbeitet und dort einiges gelernt: Als Fischemaler wird er im Straflager zum Helfer des Arztes Tobias Achilles Lempriere, der den jungen Naturwissenschaften durch die gründliche Erfassung seltenster Fischarten aufhelfen will. Gould fertigt für ihn Aquarelle; freilich zweigt er, so gut es geht, Papier ab, auf dem er mit selbst verfertigter Tinte aus Blut, Laudanum, allerlei zermahlenen Substanzen und, wenn Not am Manne ist, auch mit dem eigenen Kot seine Geschichte verfasst.

Die Geschichten vier bis unendlich sind die, die Gould festhält, Geschichten aus seiner Vergangenheit, aber auch die Lebens- und Sterbegeschichten aller anderen menschlichen Wesen auf Sarah Island. Das alles ergibt ein wüstes Pandämonium irrwitziger, anzüglicher, grotesker, brachialer und immer vollkommen unglaublicher Szenen, die umso mehr zu wuchern beginnen, je weniger sie eigentlich zusammenhängen. Und dann ist da noch die Geschichte unendlich plus eins, eine Geschichte nach dem Ende aller Geschichten, die schließlich alles in eins kippt und endgültig alle Unterschiede tilgt zwischen Realität und Fantasie, zwischen Fälschung und Wahrheit, zwischen dem Erzähler und seinen Geschöpfen. In einem kurzen Epilog, dem amtlichen Sterbeeintrag Goulds, werden die Namen der prominentesten seiner Folterer und Widersacher aus der zuvor gelesenen Geschichtengeschichte als Aliasnamen Goulds identifiziert; Gould, so heißt es, sei auf der Flucht ertrunken, und zwar „am 29. Februar 1831“. Richard Flanagan, den wir an dieser Stelle endlich wieder als Autor mit ins Spiel bringen müssen, trägt gern dick auf, er musste ein Datum wählen, das sofort als unauthentisch zu erkennen ist.

Goulds Buch der Fische ist nämlich, sosehr es sich auch in den Genres des Gefangenschaftsepos, der australischen Landesgeschichte, des Schelmenromans, der Wissenschaftsparodie und so weiter suhlen mag, zuallererst eine auf Virtuosität angelegte literarische Trickkiste, eine monströse Fiktionsmaschine, die sich selbst beständig den Boden unter den Füßen wegzieht. Mit geradezu penetranter Sturheit erzählt Gould uns immer wieder Dinge, von denen er uns gleichzeitig klar macht, dass er sie nach den Gesetzen der Fiktion gar nicht wissen kann. Gould bekennt, eigentlich kein Künstler, höchstens einer wider Willen zu sein, und breitet doch in quälend langen Exkursen das Seelenleben des echten Künstlers vor uns aus; er unterstreicht seine Unfähigkeit, Dinge richtig auszudrücken, und gibt sich doch sprachlich ausgebufft wie nur je ein Erzähler; er verweist immer wieder auf seinen beschränkten Horizont und spielt dennoch auf die Dichter und Denker aller Epochen an.

Auch auf die der Zeitläufte nach ihm, und spätestens da beginnt das virtuose Kunststück zu kippen. Richard Flanagan baut in seinen Roman unzählige Anspielungen ein auf die kanonischen Texte der Moderne, auf Melville („Nennen Sie mich, was Sie wollen“) und auf Kafka („die Axt, die das gefrorene Meer da drinnen aufhackt“) und auf Joyce („der pissige Geschmack gebratener Nieren“) und auf wer weiß wen alles, doch wenn man diese Namen hinter Flanagans Roman blendet, wird offenbar, dass Goulds Buch der Fische nicht mehr und nicht weniger ist als eine zwar hoch artistische, aber doch allzu glatte Verniedlichung der klassischen Moderne ins Karikaturistische. Leser, die Melvilles Moby-Dick zu ungeschlacht, Joyce’ Ulysses zu schwierig und das Romanwerk von António Lobo Antunes zu bedrückend finden, dürften an der Eloquenz, der Leichtigkeit und der Unverbindlichkeit von Flanagans Roman ihre helle Freude haben. Wer es hingegen vorzieht, beim Lesen aufs Ganze zu gehen, für den bleibt Goulds Buch der Fische, so ausgiebig es darin auch um Eiter und Exkremente und Mord und Totschlag geht, einfach zu glatt und zu leer. Wir vermissen das Unbedingte und das Exzessive. Dieser trickreiche Fischroman hat keinen Platz für die Ungeheuer der Tiefsee, sondern gleicht einem Gould-Fisch im Aquarium oder bestenfalls einem Karpfen im Hechtteich.

Die allermeisten Anspielungen auf einen Schlüsseltext der literarischen Moderne gelten ohnehin einem ehrwürdigen Vorläufer. Flanagans Erzähler kommt sich einmal vor „wie der gute alte Trim Shandy“; aus dem Tristram Shandy von Laurence Sterne hat Flanagan sich mit vollen Händen bedient: Der permanente Hang zu Abschweifungen (und zum Kommentieren der Neigung zu Abschweifungen) stammt ebenso von Gevatter Sterne wie die Szene, in der sich eine Figur beim Pissen aus dem Fenster guillotiniert; der bestenfalls nette Einfall, die einzelnen Kapitel des Romans stets in der Farbe zu setzen, die dem jeweiligen Tintenersatz Goulds entspricht, ist eine verniedlichte Variante des Gebrauchs, den Sterne von leeren, geschwärzten und marmorierten Seiten macht. Und der Tristram Shandy erschien vor nun bald 250 Jahren: Das ist die Zeitspanne, um die Flanagan zu spät kommt.

π Richard Flanagan:

Goulds Buch der Fische

Ein Roman in zwölf Fischen; aus dem Englischen von Peter Knecht; Berlin Verlag, Berlin 2002; 462 S., 24,– Euro

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