Wenn Verzweiflung und Sinnkrisen wachsen, wenn das sekundäre Geschwätz wuchert, kann Schweigen erholsam sein. Der französische Autor Louis-René des Forêts (1918 bis 2000), den hierzulande nur die Kenner kennen, gehörte zu den Liebhabern und Förderern des Schweigens; er schrieb sparsam, machte lange Pausen, die bei seinen Anhängern, zu denen in Frankreich so bekannte Schriftsteller wie Raymond Queneau und Georges Bataille zählten, den Eindruck erweckten, dass ihr Mann wieder in einem lang anhaltenden, auf harter Bewusstseinsstrecke auszutragenden Sprachkampf stand. Das Schweigen war für diesen Autor, der 1946 einen Roman mit dem Titel Le Bavard („Der Schwätzer“) herausbrachte, niemals eine hinreichende Handlungsmaxime; den dahinschwallenden Mitteilungsstrom, der die meisten Asservatenkammern des Kulturbetriebs unter Wasser gesetzt hat, betrachtete er lieber vom befestigten Ufer aus. Ostinato, des Forêts’ letztes Buch, versammelt autobiografische Skizzen, in denen die Aussparungen so wichtig sind wie die aus der Erinnerung abgezogenen Momentaufnahmen eines Lebens. Des Forêts erzählt von der Kindheit, vom Internat, vom Tod der Mutter, vom Krieg; das Erinnerte wird wahrgenommen wie ein Geschenk, das sich unter den Händen des Beschenkten verändert; die Erinnerung teilt zu, sie ist für das Geschehene nicht haftbar zu machen. Das gilt im besonderen Maße für jene einschneidenden Ereignisse, die uns als Schicksalsschläge treffen; der Tod eines geliebten Menschen übersteigt im Schmerz sogar das Schweigen. Des Forêts erlebt, wie seine vierzehnjährige Tochter Elisabeth ertrinkt; als es an der Zeit ist, versucht er, das Unvorstellbare doch noch zu verstehen, vergeblich: „Zwei Jahrzehnte wiegen weniger als die eine Sekunde des Blitzstrahls, der niederfuhr, traf, entwurzelte, ins lebendige Fleisch schnitt…“ Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie gesteht den Trauernden eine erst kalte, dann wärmer werdende Ruhe zu; am Grab der Toten wird die Erinnerung zu einem Bild, das sich von der Beschwernis des Persönlichen löst und dem Zeitlosen öffnet: „Der Friedhof am Abhang des Hügels, den jeder wieder und wieder aufsucht, ohne es den andern wissen zu lassen, um auf dem Stein unermüdlich nach dem Umriß eines verschwundenen Gesichtes zu forschen. Nur ein Strauß zittert dort auf dem fühllosen Stein, ein Strauß weißer Rosen vergilbt in der Sonne, wo aber ist, was sie auszeichnete, ihre Schönheit, die zerbrechliche Anmut ihrer Glieder, die Kaskade ihres so kindlichen Lachens, dieser ganze geheimnisvolle Zauber, der an einem Tage dieses Nichts wurde, das man der Erde überlassen mußte?“

Ostinato, von Friedhelm Kemp behutsam ins Deutsche getragen, ist ein Buch für stille Stunden, für Momente der Einsicht, die nicht am Gelehrsamen und am Ausgeklügelten hängen. Es ist ein Buch der beginnenden Dämmerung, in dem die Farbe jedoch nicht verblasst und die Alterswehmut erträglich ist, ja, sie hat das Schöne aufbewahrt, die Helle des Tages, die Liebe, Nachklänge eines zerbrechlichen Glücks. Dem Ende kann man trotzdem nicht ganz gelassen entgegensehen: „Und jetzt, wohin geht er? Seine Qual, doch auch seine Stärke ist es, nicht zu wissen. Eine unbequeme Unwissenheit, wohltätig jedoch insofern, als sie einen Ausblick eröffnet auf das Unvorhergesehene, dessen Verwirklichung sich verzögern oder ausbleiben mag, gleichviel, wenn man nur im Zustand einer glücklichen Bereitschaft bleibt, sich gänzlich der launenhaften Bewegung des Zufalls überlassend und durch den ersten Fehlschlag nicht gleich entmutigt.“

π Louis-René des Forêts:

Ostinato

Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Friedhelm Kemp; Edition Akzente, Carl Hanser Verlag, München 2002; 248 S., 17,90 Euro