Lyrik Der Vergil aus New Hampshire
Unsentimentaler, untouristischer kann man Landschaftslyrik nicht schreiben. Der große amerikanische Dichter Robert Frost in einer neuen Ausgabe
Der Wald? Wie war das noch mal mit dem unverrückbaren deutschen Gedichtwald? Der „steht schwarz“, klassisch, „und schweiget“; wird einem steil die Höhe ausmessenden, ehrfurchtgebietenden Dom verglichen, in dem traurig, manchmal auch tranig, ein romantisches Post- oder Jagdhorn erschallt. Im deutschen Wald um 1900 legt sich der Wilhelminische Dichter-Hippie Peter Hille auf die faule Haut und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein: „Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, / Wald, du moosiger Träumer!“ Vor dem Ersten Weltkrieg hat dann die große Stadt den Wald zum Schweigen gebracht – als großes Thema wird er aus dem deutschen Gedicht gedrängt.
Die Zivilisation kommt, der Wald muss weichen
Und wie steht es mit dem amerikanischen Wald? Den Wäldern im Nordosten der USA, in Neuengland? Die stehen im Wege – die müssen weg! Die Zivilisation kommt, und mit ihr die Kommunikationsmittel, der Telegraf und das Telefon – auch in die Wildnis. Das heißt aber: durch die Wildnis. Sie kommt zunächst in Gestalt der line-gang, eines Schneisen schlagenden „Kabeltrupps“. Diesen entschiedenen Vorgang, das entscheidende Vorgehen, ja planierende Vorstürmen gegen die Großmacht Natur, diese ungestüme, zutiefst amerikanische Pionierleistung – „Here comes the line-gang pioneering by“ – beschreibt der Amerikaner Robert Frost (1874 bis 1963) in seinem Gedicht:
The Line-Gang/Der Kabeltrupp
Da kommt der Kabeltrupp und bricht sich Bahn.
Der Wald scheint ungefällt vor ihm zu stürzen.
Sie pflanzen dafür schon gestorbne Bäume,
verknüpfen sie mit einem Lebensfaden.
Ein Instrument besaiten sie vorm Himmel,
worin, gehämmert und gesprochen, Wörter
wie die Gedanken schweigend laufen werden werden.
Doch noch schweigt nicht. Die Männer ziehn vorbei
mit Rufen in die Ferne, das Kabel straff
Und fest zu halten, bis sie es verzurrt,
zu lockern – da, sie haben’s. Mit Gelächter,
dem Stadtfluch, der die Wildnis macht zu Nichts,
wird Telefon und Telegraf gebracht.
Frosts meist endgereimte Lyrik suchte immer, und besonders im vorliegenden Gedicht, den Anschluss an das öffentliche Netz, es suchte Breitenwirkung. Das heißt, er hält sich ans Handfeste, stützt sich auf Gesichertes – in oft ungesichertem Gelände. Damit bewegt er sich weitab von avantgardistischen Unternehmungen, wie sie zum Erscheinungsdatum (1916) seines Gedichtbandes Montain Interval, dem das Kabelleger-und-Holzfällergedicht entnommen ist, en vogue waren: Wir erinnern uns an die Abrissunternehmungen der Dadaisten in der neutralen Schweiz und an den strudelnden „Vortizismus“ in London um die Amerikaner Ezra Pound und Thomas Stearns Eliot, in deren Umkreis sich der Familienvater kurz aufgehalten hat. In Europa herrscht und lähmt der Erste Weltkrieg (der Krieg als zeitdehnende Geduldsprobe: Das ist das Unfassbarste am Stellungs- und Grabenkrieg der Generation Verdun). In den Gedichten des Mühsal gewohnten Farmers Robert Lee Frost (Stichwort „struggle for life“) herrscht Krieg in direktester Konfrontation mit der Natur: Das geschieht hoch rhythmisch und Timing-sicher, klanggewiss und stets mit Blick auf das Tempo – ganz gleich, ob der Text ein trottendes Arbeitsvorgehen verlangt oder die hastige Fließ- und Sturzgeschwindigkeit eines Gebirgsflusses vorgegeben ist. Ergebnis sind allerdings keineswegs gehetzte Textkonglomerate: der lebenslange Landwirt hat, was Wunder, mit Experimenten nichts am Hut. Weder neuromantische Verdunkelungsstrategien noch bräsiger Zynismus sind seine Sache; auch hat er nichts zu schaffen mit dem überlegen lächelnden Lyrik-Dealertum, das freigebig die stark abhängig machende humanistische Bildungsinjektion ausgibt. Man gewinnt den Eindruck, hier gilt „ein Mann, ein Wort“, bloß kein Rumgehampel bitte.
So scheint sein Werk eine hoch elaborierte Version von I Did It My Way zu sein. Bodenständigkeit auf jeden Fall – allerdings für Schollen-Propaganda ist es nicht zu haben. Es ist eine bestechende, bestechend wortgenaue Dichtung, die Entdeckung wert. Überraschend sind die Naturschilderungen und Landschaftsumsetzungen, die unsentimentaler, untouristischer kaum geschrieben werden können; überraschend auch, mit welch liebevollen Detail-Beobachtungen sie aufwarten, die von inniger Wahrnehmungsgabe, von Beobachtungsschulung Zeugnis ablegen. Überraschend ist Frost nicht zuletzt in ebenso wortkargen wie psychologisch treffsicheren Dialoggedichten (The Mountain) und effizienten, bei näherem Hinsehen nicht unkritischen Berufsporträts.
Stark ist der Dichter, wenn er maskuline Alltagswelt zu seiner Sache macht. Zu den in das (oder: aus dem) Holz New Englands geschnittenen, hoch gelungenen Berufsbildern gehört das balladeske Stück über den sterbenden Tagelöhner (The Death of the Hired Man , beide aus dem ebenfalls 1916 publizierten Band North of Boston). Hier entsteht über den konfliktträchtigen, bezeichnenden Dialog zwischen einem Farmerpaar indirekt auch das Porträt eines halb nomadisch sein Dasein fristenden Wanderarbeiters. Möglicherweise ist die Figur des entscheidungsstarken Mannes mit selbstporträthaften Zügen ausgestattet, die vorderhand zänkische, in Hysterienähe gezeichnete Frau bekommt ganz klar den Schwarzen Peter – partielle Deckungsgleichheit, könnte gefragt werden, von Leben und Werk? Tatsache ist, dass Frost mehr als einmal weibliche Blutsverwandte in Heilanstalten einweisen ließ.
Frosts Dichtung ist eine des Über-Tönens. „All folk speech is musical“: Das Programm einer demokratischen Alltagssprachlichkeit, und damit das Abrücken von als hochfahrend begriffener Artifizialität, durchzieht und grundiert in Gestalt des inszenierten O-Tons die Gedichtbücher des Amerikaners. Inszenierter O-Ton, der präzise erlauscht werden muss und seine Epiphanie auch dann erfährt, wenn das Gedicht gar keine Menschenstimmen zu verstehen gibt: dann nämlich, wenn die Natur so übermächtig lautlich in Erscheinung tritt, wie es in Der Harzsammler (The Gum-Gatherer) der Fall ist.
Vom Pioniergeist beseelt und besessen
Frosts Dichtung ist eine des Über-Tönens: Man denke an die line-gang, an die Verständigung erleichternde Verdrahtung der Landschaft durch die Kabelleger, der, in beachtlicher Geschwindigkeit, das Umwuchten der Wälder, das Schlagen der Kommunikationsschneisen, vorausgeht, vorausgehen muss. Es sind die vom Pioniergeist ebenso beseelten wie besessenen Menschen (Pioniere? In der Herkunft des Wortes sind Schanzarbeiter gemeint), Menschen, die letztlich selbst den Himmel als Resonanzkörper einbeziehen.
Eine Dichtung, eine geradezu aggressive Dichterlandschaft des Über-Tönens finden wir auch im Gum-Gatherer. Eine Landschaft der hohen Fließgeschwindigkeit: Hier ist es ein Gebirgsfluss, der mit kolossalem Krach das im Laufschritt geführte Gespräch nahezu vereitelt, das der Berichtende und der Mann mit dem schlackernden Sack, der dem Pechwald, seinem Arbeitsplatz, zustrebt, führen. Ein Gespräch? Ist kaum möglich. Eher eben ein vormenschlicher (unausgesprochen: vorsprachlich-archaischer) in die harte, hart fordernde Berggegend „gebellter“ Informationsaustausch, auf das Allernotwendigste beschränkt:
„We talked like barking above the din Of water we walked along beside.“
Das kann in der Übersetzung (Lars Vollert: „Wir bellten ein Gespräch am Fluß, / der mit Getöse uns flankiert“) fast nicht adäquat rüberkommen. Die bewundernswerte Effizienz, die Instant-Knappheit, die treffsichere Organisiertheit der amerikanischen Sprache, darüber hinaus die komplexe Bauart der Frostschen Sprache verhindern das so ziemlich. Der Übersetzer hat schwierige Probleme zu meistern. Beim Gedichtübersetzen geht es dabei gerade auch um kleinste Sinneinheiten des Rhythmus.
Zoomen wir die genannte Originalsequenz heran, nehmen wir ein Beispiel heraus: Der gerissen mitten in den Vers platzierte Stolperer („above the din“), der den unebenen Weg ebenso wie Laufgeschwindigkeit und -art der Figuren und die ungestüme Fließgeschwindigkeit des (Gedicht-)Flusses markieren, bleibt ausgeblendet. Von der herrlichen Stabreimfülle abgesehen, die leider ausgedünnt wird, fällt das deutsche Ergebnis, gegenüber dem wesentlich schrundigeren Original, enttäuschend harmlos aus; zudem – das Über-Tönen fehlt! Unschärfen und Qualligkeiten in der Beherrschung der deutschen Sprache gesellen sich hinzu: Die blocks des Flusses werden verkleinert zu „Brocken“, und Gestein wird vom Wasser, das weder Drache noch Schredder ist, nicht „zermalmt“, das wird wohl eher „zermahlen“.
Die vorliegende Sammlung aber ist natürlich in jedem Fall empfehlenswert, haben wir doch endlich eine – die Originaltexte enthaltende – Auswahl von Robert Frost, der in den USA weite Verbreitung gefunden hat, bis hin zu John F. Kennedy, der den grandiosen und eben auch subtilen Tonmeister von New England würdigte. Nordamerikanische Georgica-Versionen? Ein Vergil in New Hampshire? Aber hallo! Und würden wir vergleichbare Arbeiten aus der bildenden Kunst heranziehen, wir müssten auf Edward Hoppers energetische Landschaftsbilder aus Maine verweisen, die fast zeitgleich mit einem der Hauptwerke Robert Frosts, North of Boston, entstanden sind.
π Robert Frost:
Promises to keep
Poems – Gedichte; aus dem Englischen von Lars Vollert; Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 2002; 160 S., 14,– Euro
Thomas Kling veröffentlichte eben den Gedichtband „Sondagen“ (DuMont)
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- Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
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