RomanUnter der Mitternachtssonne wartet das Dunkel

Willem Frederik Hermans’ wunderbar nihilistisches Welttheater von Nentwich

Vier Jahre nachdem er mit der Dunkelkammer des Damokles eines der kaltsinnigsten und verstörendsten Bücher über die Menschennatur in die Welt entlassen hatte, schickte der niederländische Autor Willem Frederik Hermans (1921 bis 1995) einen vom Ehrgeiz gebeutelten Doktoranden der Geologie zum Überlebenskampf in den kurzen Sommer der Finnmark. Nie mehr schlafen, so der Titel des Romans, entstand zwischen 1962 und 1965. Für die 15. Auflage, die 1978 erschien, nahm der Autor etwa 250 von ihm als geringfügig bezeichnete Änderungen vor: ein Prosa-Ingenieur, der nicht ruhte, bis sich das letzte Semikolon seiner Absicht fügte, den Ich-Erzähler Alfred Issendorff vermittels eines radikalen Desillusionierungsprogramms zum Nihilisten zu läutern.

Anfangs ist der junge Mann kaum mehr als ein Salon-Positivist: der Logik auf träge Weise ergeben und somit schlecht gerüstet für die sinnlosen Zufälle des Lebens und den Irrationalismus menschlicher Obsessionen, die eigenen eingeschlossen. Seinen persönlichen Wohlfahrtsplan, einsetzend mit dem Weltruhm, hat er bereits durchdekliniert: Er wird „etwas finden, was alle Welt verblüfft“, nämlich die These seines Doktorvaters verifizieren, wonach die so genannten Toteislöcher in der Finnmark nicht Ergebnis von Schmelzvorgängen, sondern durch Meteoriteneinschlag verursacht sind. Mit diesem Nachweis wird er seine Dissertation bestreiten, promovieren, heiraten, Professor werden und die Karriere seines Vaters „vollenden“, der in jungen Jahren bei einer wissenschaftlichen Exkursion verunglückt ist. So wird es auch der bewunderten Mutter gefallen, deren Porträtskizze keinen Zweifel daran lässt, wie Hermans, der unersättlich war in seinem Decouvrierungsfuror, über das geistige Leben in den Niederlanden dachte: Abend für Abend dichtet die Witwe Issendorff Rezensionen aus Zeitungen des Auslands um, ohne je eines der besprochenen Bücher gelesen zu haben; eine kompilatorische Fleißarbeit, durch die sie zur maßgeblichen Kritikerin des Landes aufgestiegen ist.

Etwas von dieser Mischung aus Gewissenhaftigkeit und Hochstapelei scheint sich auf den Sohn vererbt zu haben: Alfred ist punktweise pedantisch, großenteils aber schlampig vorbereitet; die arktische Welt, die er im Verein mit drei norwegischen Kollegen durchmessen wird, kennt er nur aus Büchern, und statt sich zu stählen für die Strapazen im Eis, beschäftigt er sich mit dem Gewicht seines Rucksacks, als sei die exakte Vorausberechnung seiner Tragkraft ein Faktor, der magisch über den Ausgang entscheide.

Möglich, dass Hermans, der abgedankte Geologieprofessor, in seinem Helden ein Porträt von sich als jungem Mann gegeben hat. In jedem Fall teilt Alfred genügend Prämissen mit dem Autor – er ist Naturwissenschaftler, Atheist, intellektuell unbestechlich, unsentimental und bei aller Verwöhntheit zäh und ausdauernd –, um einen existenzphilosophischen Thesenroman im Sinne einer Erziehung zur Sachlichkeit zu absolvieren.

Vorher freilich geht alles schief. Der Großordinarius in Oslo, den Issendorffs Doktorvater gebeten haben will, seinem Schüler zu Luftbildern der Finnmark zu verhelfen, gibt sich überrascht und hält ihn stundenlang zum Narren. Ein keckernder Dämon, blind wie ein Maulwurf: „Schräg von oben fällt das Sonnenlicht auf seine Brillengläser, die so dick sind, daß sie undurchsichtig wirken. Er faßt sich an die Brille und klappt ein paar Gläser hoch, die mit einem Scharnier an denen darunter befestigt sind. Vier kleine, runde Spiegel sind auf mich gerichtet.“

Der gespenstische Auftritt mit diesem Dr. Mabuse der Geografie präludiert ein Geschehen, das umso unbegreiflicher wird, je mehr sich Issendorff um seine rationale Deutung bemüht. Der Trondheimer Kollege, an den ihn Nummedal nach zähem Hin und Her verweist, ist angeblich unterwegs, die Luftbilder, heißt es, stecken in Umzugskisten. Später wird sich herausstellen, dass es sich bei dem Namen, den der boshafte Greis ihm genannt hat, um einen wenig schmeichelhaften Spitznamen handelt. Möglich, dass sich der Gekränkte daraufhin als sein eigener Stellvertreter ausgegeben und an Issendorff sein Mütchen gekühlt hat: Oder es sind nationale Interessen im Spiel: Die Norweger stecken unter einer Decke und wollen verhindern, dass ein Niederländer auf ihrem Territorium Lorbeeren erntet. Oder ist alles nur Zufall, eine fatale Gemengelage aus professoraler Zerstreutheit, Sprachbarrieren und Desorganisation? Die Wahrheit, erscheint unendlich verspiegelt; fest steht allein, dass Issendorff die Publikationen seiner Gesprächspartner nicht kennt, Gegnerschaften kaum einschätzen kann und viel Geistesschärfe an Analysen verschwendet, die auf bloßen Spekulationen beruhen, aus denen sich freilich – ein vom Autor spürbar lustvoll intendierter Nebenzweck – eine schneidende Satire auf den Wissenschaftsbetrieb ergibt.

Issendorff täuscht sich und wird enttäuscht, weil er jede Wahrnehmung ins trübe Licht seiner Erwartungen und Ängste zieht. Dass er die Expedition ohne Luftbilder antritt, nimmt ihm ein Gutteil seines Selbstvertrauens. Die Vorstellung, ohne sie nicht weiterzukommen, wird zur fixen Idee und zwangsläufig zur Fehlerquelle. Ein Wanderer im Nebel seiner Projektionen, taumelt er durch die sommerliche Arktis, wälzt sich, gepeinigt von Stechmücken, schlaflos unter der Mitternachtssonne, verliert oder verdirbt seine ebenso luxuriöse wie ungeeignete Ausrüstung. Nicht zu Unrecht empfindet er sich als Klotz am Bein der Norweger. Haben Qvigstad, Mikkelsen, am Ende auch Arne, der sein Freund ist, Geheimnisse vor ihm? Was immer sie tun oder lassen, fängt sich im Reflex seines Misstrauens. Woran immer sie zu glauben vorgeben, an die Allmacht des menschlichen Geistes, an Gott, an nichts: Von Issendorffs Theorie scheint keiner etwas zu halten. Oder doch?

Eines Tages stellt sich heraus, dass Mikkelsen selbstverständlich Luftbilder mit sich führt. Am nächsten Tag sind er und Qvigstad mitsamt den Fotos verschwunden. Nur Arne, der darüber nicht verwundert scheint, ist noch da und nimmt sich seiner weiterhin an: Ein Herkules im Körper eines Wüstenasketen, der jedes Ideal verspottet und doch besessen ist vom Wahn, dass ihm Großes zufällt, wenn er sich nur bis an den Rand des Zusammenbruchs kasteit und „auf mehr Dinge … als andere Menschen“ verzichtet. Ob er Issendorffs Ziele sabotiert oder sie ihm einfach gleichgültig sind: Er hat ihn mehr als einmal gerettet, seine Ungeschicklichkeiten gedeckt und fraglos die schweren Teile seines Gepäcks übernommen. Und nun zeigt sich, dass sie, wenn nicht Geistesbrüder, so doch Seelenverwandte sind, Komplementärnaturen. Alfred ist beherrscht von der Vorstellung, seinen Vater magisch zu „vollenden“, sich ein Anrecht auf Erfolg zu erwerben, indem er überlebt, was diesem den Tod gebracht hat. Arne häuft auf magische Weise Armut an, um seinen Vater, der wohlhabend ist und ihn reich machen will, in sich zum Verschwinden zu bringen: zwei calvinistische Gottesleugner, in deren Psyche die metaphysische Tyrannei des Prädestinationsgedankens zum neurotischen Antrieb mutiert ist.

Am Ende trennen sich auch ihre Wege: Issendorff folgt gegen die Warnungen Arnes seinem Kompass, der sich, wie alle Objekte, tückisch gegen ihn wendet und schließlich in einer Felsspalte verschwindet. Nun erst, im lebensbedrohlichen Abseits, gelingt es ihm, sich auf das zu beschränken, was der Fall ist: ein Fischernetz, eine Landkarte, der immer verlässlichen Sonnenstand und die Fähigkeit, seine Schritte zu zählen. So überlebt er und findet den Weg in die Zivilisation zurück, in seinem Rücken ein gewaltiges Lichtphänomen, das, so steht zu vermuten, Mikkelsen und Qvigstad auf die Spur eines Meteoriteneinschlags führen wird.

Zuvor aber hat er den tödlich verunglückten Arne gefunden. Fast hat es den Anschein, als sei dieser „eingesprungen“, um Alfred aus dem Todessog des Vaters zu nehmen. Seine letzten Tagebucheinträge verraten nichts von Tücke, sondern nur, dass er die klaglose Zähigkeit des Niederländers bewundert hat.

„Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung“, hat er, der Wittgenstein-Leser, einmal zu Issendorff gesagt. Lösungen aber gibt es nicht im „sadistischen Universum“ des Willem Frederik Hermans. Nur weniges steht so fest wie die Bahn der Planeten und die Unfähigkeit des Menschen, Kontingenz zu ertragen, die Tatsachen bei sich zu belassen, „zu sagen, was nicht ist, ohne zu sagen, was Sache ist“.

Als „schöpferischen Nihilismus, aggressives Mitleid, völlige Misanthropie“ hat Hermans einmal sein Credo umschrieben. In Die Dunkelkammer des Damokles war es die Frage nach Gut und Böse gewesen, die dieses Credo in Aporien hatte münden lassen: Das pflaumenzarte Albinogesicht Henri Osewouds, des Auftragsmörders, der zum Justizopfer wird, ist ein glatter Spiegel, der die Fratze des Teufels ebenso aufnimmt wie das Antlitz des Menschensohns.

Nie mehr schlafen sammelt den kargen Ertrag des objektiv Erkennbaren. Der Mensch kann nicht anders, als in Vorstellungen zu leben; jede Vorstellung fordert Sinn, Sinn aber ist nicht verifizierbar. Vielleicht ist es so, dass „Bewußtsein, Wille, Hoffnung und Furcht nichts anderes als Manifestationen des Mechanismus sind, der die menschlichen Moleküle dazu bringt, sich im unermesslichen Dunst der kosmischen Materie zu bewegen“, wie Alfred Issendorff im Augenblick der tiefsten Selbsternüchterung zu erkennen glaubt. Aber auch darauf gibt das Universum keine Antwort. Und wenn dem so wäre: Was – oder wer – hat den Mechanismus angestoßen?

Die Aufklärung, die der Autor seinem Helden angedeihen lässt, ist negativ und ohne Verwandlungskraft. Wo Sinn nicht erkennbar ist, schnurrt die Entscheidung zwischen Karriere und heroischem Weltverzicht zur Geschmacksfrage zusammen. Allein der Zwang, die menschlichen Verhaltensnormen, Metaphysiken und Humanismen bis auf den Grund zu hinterfragen, wird im Leben des zum Nihilisten geläuterten Alfred Issendorff künftig unaufhebbar sein. So wie im Leben des Willem Frederik Hermans, dessen Werk, indem es unbestechlich bilanziert, „was nicht ist“, unsere Antworten auf den Prüfstand nimmt wie kaum ein zweites in der modernen europäischen Literatur.

π Willem Frederik Hermans:

Nie mehr schlafen

Roman; aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert; Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2002; 320 S., 20,– Euro

In der Nummer 59 der von Norbert Wehr herausgegebenen Literaturzeitschrift „Schreibheft“ wird der Essayist und Kritiker W. F. Hermans mit zentralen Texten vorgestellt, darunter „Das sadistische Universum“ (über de Sade), „Unsympathische Romanfiguren“und „Experimentelle Romane“, alle in der bewährten Übersetzung von Waltraud Hüsmert

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