Christentum wie Islam entstanden in Wüstenregionen. Wahrscheinlich deswegen teilen sie die Vorstellung, dass das Paradies ein Garten ist. Im Nachwort zu seinem Buch der Gärten grübelt Dzevad Karahasan über die alte Frage, ob das Paradies vor dem Anfang aller Dinge war oder sich erst nach dem Ende jeder Geschichte öffnen wird. Die Gärten der Welt zeugen ihm jedenfalls von der Sehnsucht nach dem Paradies, sei es, dass sie „Erinnerungen unserer Seele“ sind oder „Versprechen, mit denen die Erde uns versichert, daß das Paradies möglich sei“. Der Garten ist ihm also ein geradezu spiritueller Ort, der mit jenem Stück gepflegter, möblierter und eingezäunter Natur, für dessen professionelle Pflege es mittlerweile in den Buchhandlungen eigene Abteilungen mit Garten-Ratgebern gibt, nicht allzu viel zu tun hat.

Die Wildnis und die Triebe zu beherrschen, ist möglich

Obwohl, intellektueller Hochmut ist die Sache des gelehrten, an der Kreuzung jüdischer, islamischer, christlich orthodoxer und katholischer Kultur aufgewachsenen Autors nicht; darum gilt ihm selbst der bescheidene, ein wenig spießig gehütete Garten als irdisches Abbild jenes Paradieses, das zu preisen er weder Theologen noch religiösen Fanatikern überlassen möchte.

Der Untertitel des Buches verspricht Grenzgänge zwischen Islam und Christentum, also etwas, das heute nach aufgeklärter Pflichtübung klingt; tatsächlich handelt es sich aber um fünf nur locker miteinander verbundene Essays, die anregend zwischen theologischem Traktat, literaturhistorischer Studie und architektonischer Abhandlung changieren.

Die ersten drei Abschnitte geben dem Leser durchaus schwierige geistige Gartenarbeit auf. Sie sind den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gewidmet, in denen der Garten eine so bedeutende Rolle spielt wie in vielleicht keinem anderen Werk der Weltliteratur. Schlüssig weist Karahasan nach, dass dieses Buch nur von einer Frau verfasst worden sein kann, sosehr ihn dafür auch die Tugendwächter der arabischen Literatur hassen werden; und durchaus feinsinnig führt er uns in die Welt der „verborgenen Gärten“ und damit in eine rational geläuterte Form von Esoterik ein. Auffällig, dass er den verschlissenen Begriff des Esoterischen ernst nimmt und positiv wendet: „Die Esoteriker bestätigen die Einheit und Ganzheit der Welt, die gerade dank den Unterschieden in ihr eins und ganz ist.“ Nun ja, in Widersprüchen zu denken und Gegensätzliches auf höherer Ebene in eins fallen zu lassen war in der Stadt der vielen Sprachen und Religionen, war in Sarajevo über die Jahrhunderte keine Übung verzückter Mystiker, sondern eine alltägliche Tugend ganz gewöhnlicher Menschen.

Spannend wird das Buch für den, dem die Kunst, einen Garten zu pflegen, fremd geblieben ist und der sich auch nicht sonderlich für den Garten als literarischen Topos interessiert, sobald Karahasan sich nicht in der Exegese von Tausendundeiner Nacht oder des Koran übt, sondern konkrete Gärten durchmisst. Die beiden letzten Essays bestechen durch präzise Beschreibungen und originelle Assoziationen. Sarajevo ist eine Stadt vieler Parks, aber nur einer wird von den Bewohnern schlicht „der Park“ genannt. Sein unterer, flacher Teil ist eine österreichische Anlage und bietet, was ein mitteleuropäischer Park zu bieten pflegt: geometrisch angelegte Wege und ornamental geordnete Blumenbeete, einen Springbrunnen in der Mitte, viele Bänke, auf denen die unterschiedlichsten Leute zusammenkommen.

Den beherrschten Manierismus mitteleuropäischer Parks, diese zur strengen Form gezähmte Natur, bringt Karahasan mit dem „komplizierten multireligiösen, multikulturellen, multiethnischen sozialen Kosmos Mitteleuropas“ in Verbindung. Die soziale Realität ist so komplex, dass sie öffentlicher Räume bedarf, in denen die Menschen gehend und schauend erkennen, dass alles Wilde, Spontane, Triebhafte auch beherrscht werden kann.

Der andere, hügelan steigende Teil des Parks ist orientalisch, er dient nicht der sozialen Integration, sondern der mystischen Erfahrung. Die Bäume wachsen, wie sie wollen, der Rasen hat die Wege überwuchert, Bänke sind nirgendwo zu finden. Die Leute, die hier gehen, suchen niemanden, mit dem sie ein wenig tratschen könnten, sondern die Einsamkeit, die Begegnung mit „toten und künftigen Menschen, mit sich selbst“. Das Besondere an Sarajevo ist nicht nur, dass es den großen Garten des Islam und des Christentums in ein und derselben Stadt beherbergt, sondern diese beiden grundverschiedenen Formen von Gärten in einem einzigen Park vereint.