Feuilleton Der Meister des Common Sense

Mario Vargas Llosas Kommentare zum Zeitgeschehen

Die Lügen der Populisten, die Frivolität der Dekonstruktion, Geburtenkontrolle, Globalisierungskritik, Bob Marley, Enzensbergers Pessimismus, der Nahostkonflikt, die französische Identität, Shylock oder junge britische Sensationskunst – das sind nur einige der Themen, dieMario Vargas Llosa zwischen 1992 und 2000 in der Madrider Zeitung El País behandelt hat. Vier Dutzend Artikel hat er für den Sammelband Die Sprache der Leidenschaft zusammengestellt. Man darf also annehmen, dass hier der wesentliche Teil dessen verzeichnet ist, was den Schriftsteller als Zeitbeobachter im vergangenen Jahrzehnt interessiert hat. Es finden sich darunter völlig unterschiedliche Gattungen: Kommentare, Plädoyers, Rezensionen, Ausstellungsbesprechungen, Reportagen, Analysen, Reminiszenzen, Polemiken, Huldigungen. Trotzdem sind sie, wie man es von einem bedeutenden Autor nicht anders erwartet, allesamt überglänzt vom Geist und Gestus des Essayistischen. Außerdem redet Vargas Llosa seinen Lesern in vielen Fragen unüberhörbar als Vertreter eines rationalen Common Sense ins Gewissen: für Migration, gegen Beschneidung, für Geburtenkontrolle, gegen Fidel Castro, gegen staatlichen Interventionismus, für Demokratie und freien Markt.

Unter der Überschrift Der Tod des großen Schriftstellers erklärt sich der bekennende Liberale sogar bereit, seinesgleichen zu begraben. Unter den Bedingungen der vollendeten Demokratie und Marktwirtschaft, „die im äußersten Fall für die Literatur tödlich“ seien, empfiehlt er den Autoren, ihr Spiel „weniger anmaßend und höchst amüsant zu gestalten“. Das war 1994, in wirtschaftswunderbaren Zeiten, als es überall noch aufwärts ging.

Geläufige Bekenntnisse zum freien Markt

Vargas Llosa schrieb aus London, Jerusalem, Rom, Fuschl, Paris, Berlin, Washington, Madrid, Bukarest, Mendoza, Santo Domingo, Brüssel, Kapstadt, Martigny, Rio, Marbella, Den Haag, Alexandria. Über Peru, das er als Schriftsteller stets in den Mittelpunkt stellte, scheint er dagegen, zumal seit seinen Erinnerungen von 1993, vorerst das Wesentliche gesagt zu haben. Von dort kamen nur zwei Depeschen. In einer wird die Demokratisierung angemahnt, in der anderen liebevoll die Mumie eines Inka-Mädchens beschrieben.

Als Fürsprecher der Freiheit vermag Vargas Llosa zu packen. Seine Gedenkschrift für eine afrikanische Migrantin, die im katalonischen Banyoles nur knapp einem Brandanschlag entkam, besitzt sowohl gedankliche als auch bildhafte Intensität. Seine geläufigen Bekenntnisse zum freien Markt allerdings wirken eher wie ein etwas stures Ceterum censeo. Dass Castro – „einer der widerwärtigsten Diktatoren aus dem Raubtiergeschlecht der lateinamerikanischen Despoten“ – diesem Weltverbesserungsinstrument auf seiner Insel im Wege steht, ist ja begreiflich; warum aber das liberale Ideal auf dem Subkontinent auch sonst fast nur als Traum oder Albtraum vorkommt, dazu bleiben die Aussagen dünn. Dafür fällt die Huldigung an Nelson Mandela wieder umso schöner aus.

Sich unbeliebt machen und gegen den Strom schwimmen

Das heißt: Hier verläuft ein feiner Riss durch diese Texte. In Sachen Freiheit erweist sich die Sprache der Leidenschaft als wunderbar beredt, sie entwickelt Schwung, Neugier und Genauigkeit. Wenn jedoch der liberale Programmatiker in Stellung geht, bleibt es eben lediglich bei Stellungnahmen.

Vargas Llosa schreibt über V. S. Naipaul, Paul Theroux, George Soros, Jean Baudrillard, Frida Kahlo, Konstantinos Kavafis, Claude Monet und folgendes über Octavio Paz: „Er war nie ein Dilettant oder ein bloßer Zeuge, vielmehr griff er immer leidenschaftlich in die Geschehnisse seiner Lebenssphäre ein, und unter seinen Berufskollegen gehörte er zu den Ausnahmeerscheinungen, denn er schreckte nicht davor zurück, gegen den Strom zu schwimmen und sich unbeliebt zu machen.“

Daran dürfte der Verfasser auch in eigener Sache Maß nehmen. Die Überschrift dieser Hommage hat er immerhin als Titel seines Bandes gewählt. Tatsächlich wendet auch er sich offenbar liebend gern gegen den Strom, wenn er vier Fünftel der Intellektuellen als Komplizen von Diktaturen bezeichnet. Oder er schickt hochmütig-verzweifelte Schmähungen über den Fluss, indem er den „Schwachsinn“ der politischen Auseinandersetzungen südlich des Río Grande beklagt. Doch wenn er Anteil an Menschen oder Dingen nimmt, wie im Falle von Frida Kahlo oder in der Erinnerung an besonders geschätzte Bibliothekslesesäle, dann ist er trotzdem um vieles besser.

π Mario Vargas Llosa:

Die Sprache der Leidenschaft

Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002; 308 S., 24,90 Euro

 
  • Serie rezension
  • Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service