Um es gleich zu sagen: Dies ist ein faszinierendes, ein brillantes Buch, ein gewaltiges Epos, das den Leser verschlingt, und der verschlingt die 704 Seiten, als ob es nichts wäre.

Ja, er war der begehrteste Junggeselle Nordindiens gewesen, der Kronprinz von Mewar, und sie brauchten lange, eine geeignete Braut für ihn zu finden. Sie fanden schließlich eine wunderschöne Prinzessin. „Sie würde eine gute Ehefrau und, so Gott wollte, zu gegebener Zeit eine gute Königin von Chittor abgeben. Zur Bestätigung der Ehevereinbarung wurde der Onkel des Mädchens, Rao Viramdev, mit den Verlobungsgeschenken nach Chittor entsandt. Ein Gefolge von Edelleuten und Dienern auf Pferden begleitete die kostbare Fracht. Drei Kokosnüsse und elf Betelnüsse, jeweils dick mit Blattgold überzogen; zweihundert Kokosnüsse, zehn Pfund brauner Zucker, zehn Pfund Betelnüsse, zehn Pfund Datteln, zehn Pfund weißer Zucker, zehn Pfund Pistazien, sieben Pfund Lackharz. Weiterhin kleine Perlen, 101 Gewänder aus Goldbrokat, Turbane, mit Edelsteinen bestickte Stoffe, 15 Pferde mit juwelenbesetzten Schabracken und einhunderttausend Goldmünzen…“

So märchenhaft beginnt das Drama. Aber schon in der Hochzeitsnacht wird klar, dass es ab jetzt vorbei ist mit der Normalität, auch wenn in zwei Erzählsträngen das Leben so weitergeht, als sei alles normal: die Fehden und Feldzüge, die Mewar zu führen hat, das mächtigste Rajputenreich im 16. Jahrhundert, der Alltag in Chittor, dieser heute noch massiven Festungsstadt in Rajasthan. Die Intrigen am Hofe, der Streit um die Thronfolge, Verrat, Gift, Meuchelmord; Märchen, Parabel, Historie, alles ist da.

Dann der zweite Erzählstrang, der Kronprinz, der als Ich-Erzähler auftritt, ein frühreifer Mittzwanziger. Gebildet und nachdenklich, mit frappierender Klugheit analysiert er sich und sein Leben wie über alle Zeiten hinweg. Dann wieder ist er Staatsmann, vertritt seinen Vater, der ständig unterwegs ist, um sich in irgendwelchen Schlachten auszutoben. Auch das ist alles ganz normal im Chittor des 16.Jahrhunderts.

Wenn da nicht jener Vorfall in der Hochzeitsnacht wäre: Seine Frau verweigert sich ihm mit den Worten, sie sei schon an einen anderen vergeben. Er vergewaltigt sie brutal und voller Eifersucht und hat nur noch eines im Sinn: ihren Liebhaber zu finden und ihn zu töten. Sie dagegen benimmt sich höchst seltsam. Sie singt und tanzt, was eigentlich nur die Freudenmädchen im Tempel tun dürfen, sie kümmert sich nicht um die Etikette, sie kümmert sich eigentlich um gar nichts, auch nicht darum, dass sie als Schande des Hofes gilt, als verrückt und geistesgestört. Und der Liebhaber? Dem kommt der Kronprinz auf die Spur: Es ist niemand anderes als der Gott Krishna, dieser tändelnde, flötenspielende Hindugott mit seinen unzähligen Gespielinnen. Ihm ist die schöne Prinzessin verfallen, und nun entfaltet sich ein klassische Dreiecksdrama. Mann – Frau – Geliebter, nur dass der Geliebte eben ein Gott ist, gegen den der Mann nicht ankommt: ein Drama der Melancholie und Hoffnungslosigkeit.

Der Kronprinz lernt sogar, die Flöte zu spielen, malt sich, um dem blaufarbenen Gott zu gleichen, mit Indigofarbe an. Quälend und natürlich fruchtlos sind diese Anstrengungen: Krishnas Schatten liegt über allem wie ein Fluch. Nur „Krishnas Mätresse“, wie sie zunächst verächtlich genannt wird, macht Karriere. Sie, die man die kleine Heilige nennt, wird zu einer hoch verehrten großen Heiligen, deren „überhitzte Lieder sie unsterblich machen“.

Der Roman ist eine Mischung aus Realität und Fiktion: Die Heilige ist niemand anderes als Indiens berühmteste Dichterin Mirabai, die im 16. Jahrhundert einen Prinzen von Mewar heiratete, den heute niemand mehr kennt. Ihre Verse dagegen sind immer noch in aller Munde, Verse des Wahnsinns und einer wahnsinnigen Liebe.