Unter den amerikanischen Autoren ist Kem Nunn immer noch ein Hinterbänkler. Bei den beiden ersten seiner vier Romane musste er sich mit einer Preisnominierung zufrieden geben. Der erste und der letzte – sie sollen zu einer „Surf-Trilogie“ komplettiert werden – warten in Hollywood immer noch auf ihre Verfilmung. Vielleicht ist die Mischung aus Fantastik und Realismus für die Westküsten-Filmindustrie zu ungewöhnlich, die archaische Frontier-Mentalität für die Ostküsten-Buchindustrie zu altmodisch. Gerade diese Eigenschaften rechtfertigten jedoch die Übersetzung des meisterlich erzählten Romans The Dogs of Winter (Wo Legenden sterben, 2001), der den Amerikanischen Traum an der kalten Pazifikküste enden lässt. Dort sucht der weiße Mann den letzten Thrill auf den Wellen, dort findet er zwischen rebellischer und unterdrückter Natur den Tod – im Wasser die grauen Haie, an Land die Nachfahren der ermordeten Rothäute, die die weiße Frau entführen und vergewaltigen.

War es klug, nun den anderen „Surfroman“, Tapping the Source, unter dem TitelWellenjagd wieder aufzulegen, in einer leicht revidierten Übersetzung von 1990? Nunns Erstling verknüpft die Reise zu den Wellen des Todes mit einer anderen Grenzerfahrung, dem Erwachsenwerden. Der Autor, dem ein englischer Kritiker eine „ equally macho and mystic prose“ bescheinigte, schildert diesen Prozess nicht als Entwicklung, sondern als Initiation. Der schmächtige 18-jährige Ike, der in einem südkalifornischen Wüstenkaff Motorräder repariert, landet auf der Suche nach seiner Schwester in der „Surf City“ Huntington. Sein Kontakt mit Harley-Davidson-Rockern und abgebrühten Surfern, die mit Drogen und Sexvideos dealen, macht aus dem schüchternen Hillbilly einen geduldet-geachteten Mitläufer, der auf seine Bewährung wartet. Der erste Wellenritt, der erste Sex, die ersten Prügeleien – und schon steht Ike zwischen den zerfransten Fronten von Gut und Böse, verkörpert in dem hünenhaften Exknacki Preston und dem abgefeimten Guru Hound, der die mit Drogen voll gepumpten Strandmädchen auf seinen Sexpartys filmt und Preston zum Krüppel schlagen lässt.

Anders als das reife jüngste Buch steuert diese Geschichte, monoperspektivisch und chronologisch erzählt, ihren Höhepunkt nur schwerfällig an. Die dort so subtil und bildstark gestaltete Konstellation des schwachen Protagonisten in einer auf Sport und Gewalt, also Kampf gegründeten Männergesellschaft, in der es letzten Endes um den Preis der (starken) Frau geht, wird hier affirmativ und berechenbar ausgebreitet, das Motiv des Surfens eher hinzugedichtet als integriert. Der Spanne zwischen Ikes Herkunft und Ankunft fehlt die Dramaturgie, mit der die traditionelle amerikanische Erzählliteratur jede Psychologie souverän in der flirrenden Dynamik der Außenwelt auflöst. Zwar befindet sich das Debüt mit seinen haarfeinen Typisierungen und sprechenden Schauplätzen auf halbem Weg, doch die seltsame Geschwätzigkeit der lonesome fighters und die zähe, redundante Gedankenrede des jungen Helden erdrücken den Rhythmus des Geschehens: „Er fühlte sich von einem Gefühl ergriffen, das er nicht recht in Worte fassen konnte. Aber es hatte etwas mit dem Gefühl zu tun, das er in der Wüste gehabt hatte, als Ellen fortgegangen war, das Gefühl, daß er dazu beigetragen hatte, etwas in Bewegung zu setzen – eine Kette von Ereignissen, mit denen er verknüpft war, die er aber nicht kontrollieren konnte…“ – streichen, streichen! Der okkulte Horror des Finales schließlich inszeniert, gekrönt vom happy ending , das Thema des Frauenopfers auf unfreiwillig trashige Manier – zum Beweis, dass Kem Nunn im Jahr 1984 vielleicht ein guter Surfer, im Schreiben aber noch nicht mehr war als ein guter Anfänger.

π Kem Nunn:

Wellenjagd

Roman; aus dem Englischen von Herbert Schuster; DuMont Verlag, Köln 2002; 361 S., 22,90 Euro