Belletristik Meine Geschichten sind ich

Reiner Stachs überzeugende Kafka-Biografie verstrickt uns in das Labyrinth eines unglücklichen Lebens und geglückten Schreibens

Streng genommen – und wie sollte man in Fall Kafka nicht streng verfahren – ist dies die erste authentische, ihrem Gegenstand gewachsene Kafka-Biografie. Obwohl man schon auf den zweiten Blick erkennt: Es ist gar keine. Nur knapp fünf Jahre dieses Lebens erzählt der Literaturwissenschaftler Reiner Stach, die Jahre der Entscheidungen allerdings, von 1910 bis 19l5. Im Zentrum also die legendäre Septembernacht 1912, in der Das Urteil, die erste unverwechselbare Kafka-Geschichte, in einem Zug durchgeschrieben wird, dann die energischen Anläufe zum Amerika-Roman und später zum Process, alles ausgelöst von der lebensentscheidenden Begegnung mit Felice Bauer, der zweimal Verlobten und Entlobten. Der Biograf arbeitet also an einem gewaltigen, über 600 Seiten starken Lebensfragment, und das scheint Kafka, diesem berühmtesten Fragmentaristen der Weltliteratur, durchaus angemessen, ja geradezu kongenial.

Hat er denn mehr als nur ein „Trümmerfeld“ von Texten hinterlassen statt eines Werkes? So fragt Stach in seinem langen Vorwort, in dem er alle Handicaps und die riskanten Chancen seines Unternehmens aufzählt, um sich und uns mit dessen Unmöglichkeit zu erschrecken und zu verlocken. Nur gut 300 Seiten hat Kafka selbst veröffentlicht und damit autorisiert, eine schmale Insel im Meer der Fragmente, Fetzen, abgebrochenen Romane, Anläufe und Experimente, der Tagebuchnotizen und etwa 1500 erhaltenen Briefe, darunter die Beicht- und Reflexionsexzesse an Felice. Texttrümmer und Lebenstrümmer vor dem Hintergrund der dürftigen Alltagsroutinen eines widerwilligen Beamten und ewigen jüdischen Sohns. 45 Tage lang führten ihn Reisen ins Ausland, in einem 40-jährigen Leben. Blicke über den Prager Horizont hinaus lieferte nur die Lektüre.

Summiert sich das überhaupt zu einem Leben? Und vor allem: Lässt es sich denn erzählen, und wenn ja, wie? Muss nicht jede Biografie scheitern an dem unbegreiflichen Auseinanderklaffen der inneren und der äußeren Welt? Sieht man nur die „horizontale Dimension, die soziale Ausdehnung einer Existenz“, die übliche Perspektive eines Biografen, dann bleibt Kafka ungreifbar und unbegreiflich, das weiß Stach von vornherein. Er wird also verzichten auf das brave Nachbuchstabieren der Tages- oder Jahresläufe und der Prager Umwelt seines Protagonisten, in das sich die fast 20 Jahre alte, journalistisch verschwätzte Biografie von Ernst Pawel so hemmungslos verheddert hat.

Hinabtauchen in die Tiefe des Lebens

Stattdessen: auf in die „vertikale Dimension“, um „ein Stück weit hinabzusteigen und nachzusehen“. Abtauchen nach unten, in die von Kafka immer wieder emphatisch angerufene, beschworene „unerreichbare Tiefe“, in der sich ein scheinbar so unscheinbares Leben zu Sprache, zu „Schrift“ und Erzählung verdichtet hat. Dort unten nur ließe sich klären, „wie aus einem Bewußtsein, dem alles zu denken gibt, ein Bewußtsein werden konnte, das allen zu denken gab. Das ist die Aufgabe.“ Schön gesagt, überzeugend auch, aber wie löst man dieses selbstbewusste Programm ein? Denn Stach bekennt sich zum „Traum“, zur „Utopie“, der letztlich unerfüllbaren Gier und Neugier aller engagierten Lebenserforschung, er will herausbekommen und aufschreiben, „wie es gewesen ist, Franz Kafka zu sein“, und im gleichen Arbeitsgang auch von Kafkas Texten noch erfahren: „Wie kommt so etwas zustande?“

Ohne einen riskanten Einsatz von Empathie, ohne die immer wieder versuchte Einsicht und Einfühlung in ein rätselhaft fremdes Bewusstsein wird ein solcher Versuch keinen Schritt vorwärtskommen. Auch nicht ohne das einschüchternde Eingeständnis, dass man schreibend im gleichen sprachlichen Medium wie Kafka arbeitet und gegen ihn auf seinem eigenen Spielfeld fast immer nur verlieren kann. Es ist dieses Pathos, gemischt aus begrifflicher Schärfe, hellem Problembewusstsein und der Gewissheit einer letztlich unlösbaren Aufgabe, das Stachs Erzählen und Überlegen vorantreibt und in seiner biografischen Prosa einen Sog entfacht, der auch den Leser unwiderstehlich hineinzieht in ein Miterleben, Mitbedenken, Miterkennen, ihn beteiligt an dieser Rekonstruktion der Kafkaschen Welterfahrung.

Am 18. Mai 1910, in einem jähen, szenischen Einsatz, sind wir zum ersten Mal dabei. In dieser Nacht versucht in Prag eine Gruppe junger Literaten den Halleyschen Kometen zu beobachten und womöglich den, von allen Fachleuten allerdings nicht erwarteten, Untergang der Welt zu erleben. Stach verwandelt die Momentaufnahme in ein Tableau von Köpfen, skizziert Beziehungsnetze zwischen Franz Blei und Max Brod und eben Kafka, um dann die Szene aufzulösen in nichts: Kein Komet glüht auf, nicht einmal eine Sternschnuppe. Der Weltuntergang hat nicht stattgefunden, die Prager gehen schlafen. Im nächsten Kapitel werden wir aufwachen in Lärm und Dunst der Kafka-Familie, ganz am Rand und doch im Zentrum der sich und allen fremde Franz.

Damit hat Reiner Stach seine Kunst der Fokussierung zum ersten Mal entfaltet. Wir werden dieses Blende-auf und Blende-zu, diese Sprünge von Totale auf Halbnah oder Close-up nun immer wieder miterleben, immer wieder unterbrochen von dem Abtauchen aus allem Sichtbaren in eine „unerreichbare Tiefe“, um dort „nachzusehen“, wie aus Erfahrung sich ein Text kristallisiert. Wir werden Kafka begleiten zum Verlagsbesuch bei Rowohlt und Wolff in Leipzig, nach Venedig, an den Gardasee, in ein Frischluft- und Nacktkultur-Sanatorium im Harz, wir werden ihm zusehen beim Diktieren perfekt juristischer Briefe im verhassten Bureau und beim geistesabwesenden Inspizieren der noch verhassteren Asbestfabrik des Schwagers.

Stach wird uns auch den Balkankrieg von 1912 als Vorgeschichte des Weltkrieges erklären, dann ausführlicher diesen und wird auch das Elend der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien hineinerzählen in Kafkas Prager Welt. Aber ganz gleich, wie weit und breit uns der Biograf wegführt vom Zentrum F.K., hinaus in die Welt oder Weltgeschichte, ins jiddische Theater oder den Zionismus – dieses dunkle Zentrum wird immer der Ausgangspunkt und Fluchtpunkt aller Erzählungen bleiben. Nur um diesem immer wieder in sich selbst abstürzenden Menschen näher zu kommen, der aus der „Tiefe“ dann mit einer „Schrift“, einer scheiternden oder jäh gelingenden, wieder auftaucht, nur zum besseren Verständnis dieses Sprachwesens Kafka wird hier erzählt.

Dort unten, wo er schreibt, zählt keine Chronologie, gelten keine Jahreszahlen. Auch deshalb verliert der Leser zwischendurch immer wieder die zeitliche Orientierung und weiß nicht immer genau, in welchem März oder Herbst er sich gerade befindet. Das erste Jahr 1910 jedenfalls rauscht schnell an uns vorbei. Stach verzichtet auf einen Bericht über die Parisreise von Brod und Kafka, auf Tristesse und Zwielicht dieser Junggesellentour, die der Unterleib seines Helden mit Ekzemen quittiert. Auch die folgenden anderthalb Jahre lässt er eilig am Leser passieren. Wir sind fast schon in der Mitte seiner Jahre der Entscheidungen, aber im Buch erst gerade auf der 100. von 600 Seiten, als endgültig klar wird, wohin es den Biografen von Anfang an magnetisch zieht.

Mittendrin in dem psychischen Sturmtief

Es ist der Auftritt der Felice Bauer in Kafkas Leben, es ist die legendäre Sturzgeburt des Urteil- Textes, es sind die Brieffluten zwischen Prag und Berlin, es ist die im späten Sommer und Herbst 1912 vollzogene Selbstbefreiung des Weltautors Kafka, die den Kokon eines bis dahin genialisch vor sich hin experimentierenden Autors gleichen Namens aufsprengt. Diese in wenigen Wochen und Monaten zusammengeballten Ereignisse laden nun auch die Biografie dramatisch auf. Bis dahin war alles Vorbereitung, Atemholen, jetzt sind wir in ein psychisches Sturmtief geraten und zugleich in den Rausch Kafkascher Schreibakte, mit denen die probaten Unterscheidungen zwischen Draußen und Drinnen, Lebensoberfläche und Tiefe außer Kraft gesetzt werden.

Womit auch das bisherige Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit außer Kurs gerät. Für das erste Jahr mit Felice, mit dem Urteil, der Verwandlung und dem Romanfragment Der Verschollene verbraucht Stach die Hälfte seines Buches, 300 Seiten. Er führt uns nun immer wieder so dicht wie möglich an Tagesläufe, Szenen, Reisebilder und vor allem an das nächtliche Gegenleben am Schreibtisch. Denn dieser „Schreibakt“, die selbstvergessene und doch hoch kontrollierte allmähliche Verfertigung des Erzählens beim Schreiben, das ist der „Fokus“ der Kafkaschen Existenz, davon will uns Stach in immer neuem Anlauf überzeugen. Auch seine Textanalysen unterscheiden sich also von den üblichen dadurch, dass sie keine festen, ausstrukturierten Werke untersuchen, sondern den Herstellungsprozess miterzählen, das noch flüssige Material zeigen, dieses Entwerfen, Zugreifen, Tasten, Suchen, Zögern, Sichverlieren und auch Scheitern zu rekonstruieren versuchen.

Und anders als Elias Canetti, der große Nacherzähler des Kafkaschen Briefkampfes mit und um und gegen Felice Bauer, hat Stach nun auch über diese wichtigste Person in Kafkas Leben, die Einzige, die in seiner Privatmythologie die Gegenposition zum Vater besetzen und eine Weile halten konnte, ein reiches Material zusammengetragen. Was er weiß und erzählt über Familie, Berufsleben, Charakter dieser jungen jüdischen Frau, kann zwar im Briefwechsel die fehlende Gegenstimme aus Berlin nicht ersetzen, doch es revidiert gründlich den leichtfertigen Verdacht, hier habe sich Kafka nur eine besonders leere weibliche Projektionsfläche für sein gewaltiges und auch gewalttätiges Fantasieren und Agieren ausgesucht.

Das Bild Felice Bauers: ein Gewinn an Gerechtigkeit

Durch diese Revision, mit dem umrissstarken Bild der Kraft, Selbstständigkeit, Modernität dieser tüchtigen Angestellten und angestrengten, auch überanstrengten Bürgertochter vor aller Emanzipation, gewinnt Stachs Darstellung der entscheidenden Kafka-Jahre an Dramatik, an Gewicht und auch an Gerechtigkeit. Wir ergreifen nicht mehr so unbedenklich die Partei des Genies und seiner Produktion. Wir unterschätzen nicht mehr die Möglichkeit Felice Bauers, zur Not und ihm zur Hilfe auch ein Leben an der Seite Kafkas zu wagen und durchzuhalten, hätte er nur können wollen oder wollen können.

Wir sehen also das letzte Foto im Bildteil, das vorgreift auf das Jahr 1917 und Felice und Franz in ihrer letzten und wieder katastrophalen Zeit so statuarisch schön und selbstverständlich als Paar zeigt, als wäre nun alles gut und möglich – wir sehen dieses falsche Versprechen mit einer herben Enttäuschung auch darüber, dass Reiner Stachs Biografie, wie auch Kafkas Leben, im Jahr 1915 plötzlich erlischt. Überzeugend hat er begründet, warum er erst 1910 einsetzt: weil das vor der Veröffentlichung des Nachlasses von Max Brod sinnlos wäre und man also nur die alte Jugendbiografie von Klaus Wagenbach neu abschreiben könnte. Aber er verschweigt, warum er 1915 abbricht und ob er den Faden je noch einmal aufnehmen will und wird.

Wir waren weit weg und tief drin in Kafkas Leben und Schreiben auf dieser langen Lesereise. Auftauchend aus diesem Maulwurfsbau mit immer neuen und doch immer gleichen Höhlen, Tunneln, Gängen und Röhren, reibt man sich die Augen und blinzelt lichtscheu in eine plötzlich fremde, nicht mehr ganz selbstverständliche Welt. Reiner Stachs Experiment mit uns und Kafka scheint also geglückt. Sein Dokumentar- und Reflexionsroman hat uns so verstrickt in das Labyrinth eines erkennbar unglücklichen Lebens und rätselhaft geglückten Schreibens, dass uns die so genannte Normalität für lange Lesestunden abhanden gekommen ist. Wir haben entscheidend mehr erfahren als nur etwas über Kafka, und das kann man von kaum einem Buch über ihn behaupten.

π Reiner Stach:

Franz Kafka. Die Jahre der Entscheidungen

Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2002; 670 S., 29,90 Euro

 
  • Serie rezension
  • Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
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