Wer auf den verschwenderischen Namen Maria Aurora von Königsmarck getauft ist, kann im Leben und in der Geschichte nicht in der Ecke stehen. Vielmehr darf eine solche Frau sogar dichten: „Ich glückliche Göttin der Liebe / Behalte doch immer das Feld / eherrsche durch liebliche Triebe / Die Hölle, den Himmel / Die Welt.“ Sie war eine der fulminanten Damen der deutschen Geschichte, und Voltaire, der perfekte Schmeichler, konnte sie mit einigem Recht als „die berühmteste Frau zweier Jahrhunderte“ preisen.

Maria Aurora von Königsmarck wurde als Tochter eines schwedischen Militärs 1662 in Stade geboren. Sie hinterließ nichts Handfestes. Doch sie besaß ein Naturell, Eleganz und Intelligenz, eine Schönheit und ein Selbstwertgefühl, die ihr noch bis ins hohe Alter Verehrer, prominente Freunde und kopflose Liebesschwüre verschafften: „Jeder meiner Blutstropfen steht Ihren Winken zu Gebote.“

Selbstständigkeit und unfreiwillige Dynamik zeichnen das Leben der nordischen Europäerin aus. Aurora von Königsmarck fand sich auf jedem Parkett zurecht. Sie sprach fünf Sprachen fließend. Sie dichtete nicht nur, sondern veröffentlichte auch ihre Werke. Frühe Leitfäden zur Emanzipation von Frauen waren ihr gewidmet. Sie stritt in Schweden für ihre Erbrechte, und in Deutschland versuchte sie, ebenso vergeblich, den Mord an ihrem Bruder aufzuklären, Philipp von Königsmarck, den legendären Liebhaber der Kurfürstin von Hannover.

Diesem überreichen Leben einer Venus und Minerva hat die Münchner Archivarin Sylvia Krauss-Meyl eine Biografie von den Ahnen bis zu den Nachkommen der Gräfin gewidmet. Denn auch die Letzteren blieben namhaft. Aus einem Liebessommer der Königsmarck mit August dem Starken entsprang Moritz von Sachsen, der bedeutendste Feldherr Frankreichs im 18. Jahrhundert. Und aus einer Liebschaft dieses Sohns wiederum George Sand, die ein Porträt ihrer Vorfahrin in höchsten Ehren hielt.

Aus zahlreichen, vor allem über Schweden und Deutschland verstreuten Quellen setzt die neue Biografin das Lebensbild ihrer Heldin zusammen – einer Frau, die sich in verblüffendem Maß das Recht auf ihre eigene Lebensgestaltung herausnahm, die sich in den Konventionen, Gefühlen und Affären ihrer Zeit meisterhaft tummelte. Aurora von Königsmarck besaß einen berühmten Namen, ein rapide schmelzendes Vermögen und offenbar die Gabe, durch Charme sogar betrogene Ehefrauen zu bezaubern. Genauso wie ihre Brüder Ehren und Abenteuer auf den diversen Kriegsschauplätzen suchten, so ließ die Schwester ihre Ausstrahlung an den gesellschaftlichen Zentren, den Höfen Mitteleuropas, wirken.

Ein vergangenes Geflecht glanzvollen Lebens wird durch diese Vita deutlich. Dank einer erstaunlichen Reisetätigkeit veredelte Aurora von Königsmarck Hofbälle in Stockholm, machte den Karneval von Hannover berühmt, beriet die Herzöge von Braunschweig, und sie wurde – vor ihrer türkischen Ziehtochter Fatima – zur ersten Maîtresse-en-titre in Sachsen. Von der Gesellschaftsspitze aus verbreitete die Königsmarck im Norden eine Verfeinerung, eine Feminisierung der Sitten. Diese prägende Kraft versagte nur einmal, als sie im verheerenden Nordischen Krieg mit allzu viel Ehrgeiz als Friedensgöttin Karl XII. von Schweden zum Waffenstillstand überreden wollte. Der schwule Kriegsheld empfing die umtriebige Abgesandte aus dem Dunstkreis Dresdner Betten nicht einmal.

Das aufreibende Leben der barocken Gräfin, die auf immerwährende körperliche und geistige Verführungskünste angewiesen war, hätten wir Heutige wahrscheinlich kaum ein Jahr durchgestanden. Doch auch die Virtuosin des Gesellschaftsspiels hielt zeitlebens nach einem ruhigen Port Ausschau. Das Arrangement schien perfekt. Als Geistliche ohne Ordensregeln, also völlig frei, konnte sie sich den Posten einer Pröpstin des Reichsstifts Quedlinburg verschaffen, wo sie auch Maskeraden für Peter den Großen gab.