Hartnäckig hält sich bis heute der Mythos, die von Reichsführer Heinrich Himmler 1935 errichteten Lebensbornhäuser seien „Zuchtanstalten“ für den „arischen“ Nachwuchs gewesen. Ganz so abwegig erscheint das nicht, denn sie waren als Heime für die unehelichen Kinder von SS-Mitgliedern vorgesehen und haben darüber hinaus ihre Funktion in einigen besetzten Ländern erfüllt – und zwar immer dann, wenn deutsche Soldaten mit einheimischen Frauen Kinder zeugten. Obwohl es mittlerweile etliche Untersuchungen über die „Deutschenliebchen“ und ihre „Kriegskinder“ gibt, sind diese nach wie vor mit Vorurteilen und Familiengeheimnissen konfrontiert. Zwei jetzt erschienene Bücher beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema: Das eine ist eine wissenschaftliche Untersuchung über Lebensborn in Norwegen, das andere eine Reflexion über die Last, ein „Lebensbornkind“ zu sein.

Der Historiker und Archivar Kåre Olsen wurde durch seine Arbeit beim Riksarkiv in Oslo auf das Schicksal der norwegischen „Kriegskinder“ aufmerksam, welches nach langer Zeit des Schweigens endlich die Öffentlichkeit im Land beschäftigt. Seit 1986 nämlich gibt es ein Gesetz in Norwegen, das es adoptierten Kindern erlaubt, nach ihren Eltern zu forschen und deren Identität zu erfahren. Den mittlerweile fast 60-Jährigen war meist die wahre Herkunft verschwiegen worden, und das obwohl man die Zahl der „Kriegskinder“ auf 8000 bis 12000 schätzt.

Norwegen nimmt innerhalb der besetzten Länder einen Sonderstatus ein. Noch gegen Kriegsende hielten sich hier über 300000 deutsche Soldaten auf, bei einer Einwohnerzahl von etwas über drei Millionen. Die Soldaten waren oftmals privat untergebracht; die Deutschen traten als Arbeitgeber auf, und so musste es zu persönlichen Kontakten kommen. Dass jene Norwegerinnen, die sich auf Deutsche einließen und gar ein Kind von ihnen bekamen, nach dem Krieg als Verräterinnen galten und auf jede erdenkliche Weise bestraft und geächtet wurden, ist sicherlich der Grund, warum die Kinder – wenn überhaupt – oft erst als Erwachsene von ihren Vätern erfuhren.

Ein Großteil von Olsens Buch widmet sich dem Aufbau der insgesamt elf Lebensbornheime in Norwegen. Beim Lesen der vorgelegten Dokumente mutet es nur auf den ersten Blick seltsam an, dass im Rahmen der NS-Familienpolitik die Verbindung mit dem Feind gefördert und nicht bestraft wurde. Die Förderung der ledigen Mütter fügte sich nahtlos in die NS-Ideologie ein, was zugleich erklärt, warum sich das Gerücht von der „Zuchtanstalt“ bis heute halten konnte: Die Einwohner der skandinavischen Länder galten als die „nordische Rasse“ schlechthin, und man sah es als wünschenswert an, sich mit ihr zu „vermischen“. Für die Rassenbiologen des „Dritten Reiches“ spielte es keine Rolle, ob die Kinder unehelich geboren wurden. Meldete sich eine unverheiratete Mutter bei Lebensborn, so erhielt sie umfassende Hilfe: von finanzieller Unterstützung, über die Heimunterbringung der Kinder bis hin zum Aufspüren des Vaters.

Kåre Olsen hat viel Material zusammengetragen und ausgewertet, dennoch bleibt seine Untersuchung vage. Weder möchte er sich auf genaue Zahlen festlegen, noch kann er sich zu einem klaren Urteil durchringen. Zu wenig geht er auf die Zeit nach dem Ende der Besatzung und auf das weitere Schicksal der Kinder ein. Für Letzteres hätten sich sicherlich Quellen geboten, zumal die „Kriegskinder“ ja seit einigen Jahren an die Öffentlichkeit gehen. Es wäre also ein Leichtes gewesen, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen.

Die Familientherapeutin Gisela Heidenreich schildert in ihrem bewegenden Buch eine „langsame Entdeckung der eigenen Biographie“ und den mühevollen Weg dorthin, der auch die Auseinandersetzung mit einem widersprüchlichen Mutter-Tochter-Verhältnis beinhaltet. Obwohl Heidenreichs Mutter keine Norwegerin ist, sondern eine Deutsche, die 1943 in einem Lebensbornheim in Norwegen ihr uneheliches Kind zur Welt brachte, gibt es etliche Parallelen zu den von Olsen beschriebenen „Kriegskindern“: Über die Identität des Vaters erfährt Gisela Heidenreich lange Zeit nichts, aber auch die Mutter kann sich nicht zu ihr bekennen, mal wird sie als norwegische Waise ausgegeben, mal als Tochter ihrer Tante. Allein der Geburtsort Oslo sollte dem Kind in der Nachkriegszeit etliche Schwierigkeiten bereiten. In ihrem Heimatort Bad Tölz, im Kindergarten und in der Schule war sie stets „die Norwegerin“ oder der „SS-Bankert“. Heidenreich ist längst erwachsen, als sie die ganze Geschichte erfährt, auch dass ihr Vater nicht im Krieg gefallen ist, sondern mit seiner Familie zusammenlebt.

Der Vater arbeitete als SS-Standartenführer an der Tölzer Junkerschule und hatte dort Heidenreichs Mutter kennen gelernt. Zwar war er schon verheiratet – aber Himmlers Lebensbornparole ermutigte die SS ja geradezu, uneheliche Kinder mit „arischen Frauen“ zu zeugen, je mehr, desto besser. Als die Mutter schwanger wurde, war sie schon bei der Lebensbornzentrale in Steinhöring beschäftigt, kein Problem also, sich aus Gründen der Diskretion nach Norwegen versetzen zu lassen. All das wird der Tochter verschwiegen, welche sich die Wahrheit aus den widersprüchlichsten Informationen filtern muss. So ist es kein Wunder, dass es ihr bis heute nicht gelingen konnte, Frieden mit der betagten Mutter zu schließen.