Große Werke beginnen oft bescheiden. In diesem Falle werden im Prolog die Ergebnisse eines Ermittlungsprojekts angekündigt. Dann folgen fast tausend Seiten, die man in geradezu atemloser Spannung liest, um am Ende festzustellen: Dies ist eine monumentale Anklageschrift. Angeklagt sind das Regime der Schlächter von Ruanda, die Vereinten Nationen, die Regierungen in Brüssel, Paris und Washington. Sie führten einen Genozid durch, schützten dessen Vollstrecker oder taten wider besseres Wissen nichts, um das Verbrechen zu verhindern. Es geht um den Völkermord von Ruanda, um die hundert Tage im Sommer 1994, in denen weit über eine halbe Million Menschenleben ausgelöscht wurden.

Die ersten Fernsehbilder vom Massenmord waren so ungeheuerlich, so unbegreiflich, dass die Außenwelt von einer „Verirrung der Natur“ sprach, von einem grausamen Stammeskrieg, von der „Krankheit des Tötens“ – als sei der Völkermord wie ein Virus über Ruanda gekommen. Jedes Kapitel der vorliegenden Studie Kein Zeuge darf überleben beschämt die damaligen Chronisten, denn sie belegt genau das Gegenteil: Der Genozid war nicht das Werk archaischer Chaosmächte, sondern einer gebildeten, modernen Elite, die sich aller Instrumente eines hoch organisierten Staates bediente – des Militärs, der Polizei und der Milizen, des Verwaltungsapparates und der Massenmedien. Die Täter waren keine Dämonen. „Sie waren Menschen, die sich entschieden hatten, Böses zu tun.“ Dieser Befund mag am Ende eines Jahrhunderts industriell organisierter Massenmorde banal anmuten, aber er ist mit Blick auf Afrika durchaus nicht selbstverständlich. Denn dort, auf im „Herzen der Finsternis“, sehen „Fachleute“ wie Peter Scholl-Latour noch immer steinzeitliche Todestriebe wüten…

Die Autorin Alison Des Forges gehört zu den renommiertesten Afrikanisten unserer Tage, und vermutlich gibt es niemanden, der die tragische Geschichte Ruandas besser kennt. Sie koordinierte im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Stab von Experten, die fünf Jahre recherchierten. Akribisch beschreiben sie, wie der Völkermord vorbereitet und abgewickelt wurde: das Anschwellen der Hutu Power, einer Massenbewegung zur Gleichschaltung aller Vernichtungskräfte; die Mobilisierung von Todesschwadronen wie der Interahamwe; die Bereitstellung der Waffen und Transportmittel; die Entsorgung der Leichenberge; die Verteilung der geraubten Ländereien und Güter.

In jeder Phase des Genozids ist jene mörderische Besessenheit und kaltblütige Perfektion zu erkennen, die auch die Organisatoren des Holocaust angetrieben hat. Der Geist der Täter, das Tatschema, das Ziel – es war, als seien die Nazis im Zentrum Afrikas auferstanden. Théoneste Bagosora kam dabei die Rolle eines „schwarzen Heydrich“ zu; in seinem Hause fand sich ein schwarzer Terminkalender, in dem er die Grundzüge der ruandischen „Endlösung“ entworfen hatte. Oberst Bagosora stand an der Spitze einer Clique von Offizieren, die nach der mysteriösen Ermordung von Präsident Habyarimana am 6. April 1994 die Kontrolle des Militärs und der Zivilverwaltung an sich gerissen hatten. Zahlreiche Amtsdokumente belegen, dass die Mordaufträge mit geradezu preußischem Bürokratenfleiß erfüllt wurden. Ein Propagandist rühmte die bei Joseph Goebbels gelernten Lektionen. Sie wurden vor allem im Hetzsender Radio Milles Collines angewandt: Rottet die Tutsi aus, ehe sie uns ausrotten! Es sind inyenzi, Kakerlaken! Arbeitet weiter, die Gräber sind noch nicht voll!

Die Hutu-Diktatur wollte die Minderheit der Tutsi auslöschen und zugleich die demokratische Opposition innerhalb der eigenen Ethnie; es starben Hunderttausende von Tutsi und – was häufig unterschlagen wird – Zehntausende von Hutu. Im aufgehetzten Volk, unter den verarmten, ungebildeten Bauern, fanden sich genügend Helfer. Der Streit um knappes Land in einem übervölkerten Agrarstaat, Neid und nackte Gier steigerten sich zu mörderischem Hass. Tötet! Tötet! Tötet!, schrien die Präfekten, Unterpräfekten und Bürgermeister, die Dorfältesten und Schlagersänger, die Professoren, Parteifunktionäre und katholischen Priester. Und viele Hutu, erzogen zu blinder Autoritätshörigkeit, folgten willig den Befehlen. Sie schlachteten Freunde, Nachbarn und Verwandte ab, ja sogar Ehegatten. Lehrer brachten ihre Schüler um, Ärzte ihre Patienten, Pfarrer ihre Glaubensbrüder. Die Mörder arbeiteten im Schichtdienst, mit Buschmessern, Äxten, Hämmern. Die Regierung hatte rechtzeitig noch eine gewaltige Menge von Macheten aus China importiert. Hutu gegen Tutsi. Das ewige Klischee überdauerte nicht nur die Katastrophe, es wurde durch die Täter/Opfer-Schablone sogar noch verstärkt.

Alison Des Forges’ brillanter Abriss der präkolonialen Geschichte Ruandas ist allen zu empfehlen, die hartnäckig an der Stammeslehre festhalten – sie entlarvt sie als Geschichtsmythos der Kolonialherren. Es waren deutsche Forscher, die zum Ende des 19. Jahrhunderts im Geiste der Rassenkunde die „hamitische Hypothese“ erfanden und eine vielfältig durchmischte afrikanische Gesellschaft, deren Volksgruppen die Sprache, Sitten und Traditionen teilten, in Stämme sortierten: Hier die Minorität der angeblich aus dem Niltal eingewanderten Watutsi, eine hochwüchsige, hellhäutige, blaublütige, hamitische Herrenrasse, dort die autochthone Mehrheit der untersetzten, negroiden, servilen, bäuerlichen Bahutu aus der Bantufamilie. Die Tutsi, gleichsam zu „schwarzen Weissen“ geadelt, wurden im kolonialen Herrschaftssystem privilegiert; sie übernahmen bereitwillig eine Theorie, die ihre Überlegenheit historisch „bewies“.

Im Jahre 1939 schrieben die belgischen Kolonialisten sogar den Vermerk der ethnischen Zugehörigkeit im Personalausweis vor. Der postulierte Unterschied – der Völkerkundler Claude Meillassoux spricht von „imaginärer Ethnographie“ – wurde gleichsam zum Naturzustand und vergiftete als tribalistisches Stereotyp die Vorstellungswelt der Ruander. Als die Hutu 1959 die Macht übernahmen, pervertierten sie die ethnische Segregation zu einer Art „schwarzen Apartheid“. Die „hamitische Hypothese“ erfreut sich bis heute großer Beliebtheit, liefert sie doch ein simples Erklärungsmodell für den Genozid. Und so klagt Des Forges’ Team auch jene an, die über das Blutbad berichteten. Stellvertretend für die Weltpresse zitiert sie die New York Times, die am 15. April 1994 über eine „jahrhundertealte alte Stammesfehde“ schrieb. So stand es am gleichen Tag fast wörtlich in der ZEIT. Der Autor des Artikels war der Rezensent. Er schämt sich heute dafür.