Heinz Sielmann, der Nestor des Vogelschutzes, hat mir und einigen tausend anderen Leuten einen Brief geschrieben. »Das Nadelöhr Malta ist für unsere Zugvögel eine tödliche Falle … Hunderte Wilderer … das schreckliche Morden eindämmen… Schon 15 Euro reichen, um die täglichen Telefonkosten der Mobiltelefone im Gelände zu finanzieren. Denn nur wenn die Vogelschützer die Polizei schnell informieren können, sobald sie einen Wilderer beobachten…«

Vor allem die Wespenbussarde sind gefährdet. Eine echt üble Sache. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, wird man ja an jeder Ecke um Spenden angehauen. Früher sagte man gern: Man muss die Ursachen bekämpfen! Wohltätigkeit hat noch nie ein Übel zum Verschwinden gebracht! Stimmt. Ich persönlich bin im Moment zu beschäftigt, um die Ursachen des maltesischen Vogelmassakers oder des Hungers in Afrika zu bekämpfen. Sorry, Africa. No time to fight. Es stimmt auch, dass die vier oder fünf Afrikaner, die ich mit meiner letzten Spende vorm Verhungern gerettet habe, wahrscheinlich der nächsten Afrikakatastrophe zum Opfer fallen. – Aber wenn ich die Wahl hätte, ob ich heute sterben muss oder erst in zwei Jahren…

Ein anderes Antispendenargument geht so: Die Leute spenden, um ihr Gewissen zu beruhigen, und sie spenden nur, solange es ihnen nicht wehtut. Stimmt ebenfalls. Bill Gates, Steven Spielberg und ich spenden, damit wir uns noch besser fühlen als sowieso schon. Und wir passen alle drei auf, dass wir nicht zu viel geben. Der Skiurlaub darf auf keinen Fall in Gefahr geraten. Wenn allerdings nur noch die sieben oder acht Heiligen spenden und das Millionenheer der Scheinheiligen vom Spenden ablässt, dann brechen weltweit sämtliche Hilfsorganisationen zusammen. Aber dieses Argument kommt sowieso meistens von Leuten, die selbst gar nichts spenden, keinen roten Heller. Sie bringen dieses Argument, damit sie sich besser fühlen.

Also: Spenden ist besser als Nichtspenden. Aber für wen? Da liegt das eigentliche Problem. Zum Beispiel leuchtet auf den ersten Blick ein, dass Menschen wichtiger sind als Tiere oder unbelebte Gegenstände. Ein Menschenleben ist das Allerwichtigste. Demnach wäre der unwürdigste denkbare Spendenempfänger beispielsweise der Verein für die Erhaltung der Altstadt von Bad Schwartau, danach käme der Tierschutzverein. An der Spitze der Moralpyramide stünden Misereor, Welthungerhilfe und so weiter, eventuell auch die Johanniter Unfallhilfe.

Andererseits: Möchte man in einer Welt leben, in der es keinen einzigen Tierschutzverein gibt und in der sich kein Schwein um die Erhaltung der Altstadt kümmert? Moral-Hitparaden sind blöde. Sonst hätte man nicht einen Euro für die Flutopfer spenden dürfen. Den Leuten im Südsudan geht es eindeutig schlechter als den sächsischen Flutopfern.

Doch zurück zu den Wespenbussarden. Vögel interessieren mich nicht. Außer Pinguine. Pinguine sind okay. Alle anderen Vögel finde ich extrem un-sexy. Das hat wahrscheinlich tiefenpsychologische Gründe. Oder es hängt mit der Generation zusammen. Ich gehöre vermutlich zur Generation Pinguin. Sielmann ist Generation Wespenbussard. Also spende ich nichts. Aber wenn keiner dem alten Sielmann ein paar Euro für seine Vögel gibt, das wäre mir auch wieder nicht recht. Manchmal könnte man wahnsinnig werden, so kompliziert, wie die Dinge sind.