Libanesen, Iraker und Geschäftsmänner aus den Golfstaaten sitzen auf Plastikstühlen und rauchen Wasserpfeifen, die Limousinen in Sichtweite geparkt. Am Nebentisch diskutieren stark geschminkte, westlich gestylte Frauen mit ihren tief verschleierten Freundinnen. Neonlicht leuchtet die Szenerie aus, an den kahlen weißen Wänden Silberkitsch. „Bush, dieser Dummkopf, macht allen Angst“, erzählt einer, „kaum ein Engländer wagt sich mehr in dieses Lokal. Schön, dass du da bist.“ Er besteht darauf, die Rechnung zu übernehmen: zwei Tee, eine Wasserpfeife. Zehn englische Pfund.

Die Edgware Road, die arabische Straße Londons schlechthin, ist vor allem zu später Stunde ganz in nah- und fernöstlicher Hand. Wer sich als Europäer hierher verirrt, taucht ein in eine Nischen- und community- Kultur. Multikultur auf Britisch, zu übersetzen mit: Jeder bleibt in seiner eigenen kleinen Welt, wie im Rest Europas auch. Trotzdem wird die offizielle Anti-Terror-Politik Großbritanniens immer offener hinterfragt. Zehntausende demonstrierten Ende September in London gegen einen drohenden Irak-Krieg. Die arabisch-britische Crossover-Sängerin Natacha Atlas, die mitmarschierte, war begeistert: „Ein derart multikulturelles London seine Stimme erheben zu sehen ist das Schönste und Hoffnungsvollste, das ich in den letzten Monaten erleben durfte.“

Umgekehrt hat die westliche Jugend begonnen, sich zu orientalischen Klängen auf Kissen zu betten und an Wasserpfeifen zu nippen. In nahezu jedem Stadtviertel steht heute ein arabisches – oder besser: arabisierendes – Café, in Soho, Hampstead, Finsbury Park und Hammersmith. Momo’s Resto in der Heddon Street und das Kairo Café in Clapham North sind nur die begehrtesten Adressen. Räucherstäbchen würzen die Luft, dezentes Licht schafft Intimität, Sounds von CDs wie Buddha Bar, Salon Oriental oder auch Asian Travels säuseln aus den Lautsprechern. Elektronik und Arabienklischees gehen eine grenzüberschreitende Liaison ein, alles beschwingt, alles easy, nur: Mit der Edgware Road hat das nichts zu tun. Dort lebt man arabische Realität ohne Westler, hier arabische Kultur ohne Araber.

„Kuschelrock für Kreditkarten-Hippies“, spöttelt der britisch-asiatische Musiker TJ Rehmi. Rehmi gehört zu den wenigen, denen der schnelle Weg zum Kosmopolitismus ein wenig zu schnell geht. Dass der Orient noch immer nur das ist, wonach der Westen sich sehnt, stört viele arabische oder an Arabischem interessierte DJs allerdings kaum. „Wir leben hier, nicht dort“, betont Karim Dellali, Perkussionist der Gruppen Oojami und Fantazia. Dass er musikalisch ein Bild vermittelt, das kaum mit den Realitäten der heutigen arabischen Welt übereinstimmt – wen kümmert’s? „Die Menschen lieben halt Stereotype.“

Dellali ist Teil einer Musikszene, die dank gestiegener Nachfrage neue Auftritts- und Absatzmöglichkeiten findet. Ihr vielleicht umtriebigster Vertreter ist der Türke Necmi Cavli. Der Kopf der Gruppe Oojami bringt in seinen „Hubble-Bubble-Nights“ (Wasserpfeifennächte) die wichtigsten lokalen und internationalen Protagonisten zusammen: Abdel Ali Slimani, U-Cef, MoMo, Fantazia aus London, Smadj, DuOuD und andere aus dem kontinentalen Europa. Cavli schwärmt von den jüngsten Erfolgen seiner Clubnächte und fühlt sich allenfalls indischen DJs gegenüber benachteiligt. „Bis heute werden Afghanen, Araber und Türken hier in denselben Topf geworfen“, sagt er. Das hält ihn nicht davon ab, sein mehrheitlich weißes Publikum mit Plakaten anzulocken, die eine Bauchtänzerin zeigen, einen osmanischen Fes und: eine Wasserpfeife.

Was politische Botschaften anbelangt, hält man sich lieber bedeckt – im Gegensatz etwa zur algerischen Rap-Szene in Frankreich und Algerien, in der Gruppen wie MBS (Le Micro Brise le Silence) und Intik lautstark Missstände anprangern. Tahar al-Idrissi vom englisch-marokkanischen Kollektiv MoMo mag einfach nicht sein ganzes Leben lang in Politik involviert sein. Zwischen England und Frankreich sieht er krasse Unterschiede: „Wir spielen zu 80 Prozent vor einem ‚weißen‘ Publikum, die Rapper in Frankreich vor ihren Landsleuten.“ Typisch für London auch Nelson Dilation, DJ und erfolgreicher Veranstalter im In- und Ausland: „Politik ist Nebensache“, sagt er und gibt zu, selbst nicht zu wissen, was die arabischen Texte bedeuten, die er sampelt. „Vielleicht ist meine Musik ja extrem politisch, vielleicht gar religiös?“

Mehr Grenzgänger zwischen den Kulturen sind gefragt

Ist Londons neueste Liebe zum Orient also mehr als eine Mode – oder gar ein Missverständnis? Sheree Baker, eine der wenigen Engländerinnen, die sich gelegentlich in der Edgware Road blicken lassen, glaubt an eine Verwechslungskomödie. „Die Londoner Jugend vermutet, dass Wasserpfeifen in In-Lokalen mit Haschisch angereichert sind. Nimm die Drogen weg – und das Interesse für arabische Kultur ist gleich null.“ Ähnlich argumentiert Mourad Mazouz, Inhaber des legendären Momo’s, das nicht weit vom Piccadilly Circus illustre Kundschaft – von Rachid Taha bis Madonna – anlockt. Es gehe beim Arabientrend zunächst einmal um Exotik.