Wären in den vergangenen 50 Jahren ein paar Dinge anders gelaufen, vielleicht hätten wir heute keine angloamerikanische, sondern eine französische Leitkultur des Pop. Niemanden würde es überraschen, wenn plötzlich wieder Jean-Luc Godards Die Verachtung in den deutschen Kinos läuft und die Plattenläden stapelweise neue französische Musik offerieren. Das tun sie aber auch so. In diesem Winter steht der Chanson wieder ganz oben auf der Pop-Agenda, melancholisch wie eh und je und behutsam modernisiert. Irgendwie ist ja immer ein bisschen Fin de Siècle.

Ein vertrautes und neues Gefühl zugleich, denn die Chanson-Protagonisten der Nouvelle Scène Française kommen in Scharen daher, markante Typen, die leicht kloniert wirken, da sie sich genau auf die Vorgänger berufen, an die sie ohnehin erinnern: Da gibt es die frühe Françoise Hardy und die junge Jane Birkin mit süßem englischen Akzent und, ach, hallo!, den neuen Jacques Dutronc. Und alle wollen sie da weitermachen, wo Serge Gainsbourg aufgehört hat.

Der junge Chansonnier Benjamin Biolay etwa datiert seinen Lebenslauf, indem er die Schallplatten nennt, die bei der jeweiligen biografischen Station erschienen sind. Im Jahr seiner Geburt kamen das Rote und Blaue Album der Beatles heraus und eben Vue De L’Extérieur des 1991 verstorbenen Monsieur Gainsbourg. Auf Gainsbourgs Album Histoire De Melody Nelson aus dem Jahre 1974 sind neben wunderbaren Melodien immer noch die knochentrockene Gitarre und der elektrisierte Orchester-Sound bemerkenswert. Damit hatte er schon das erschaffen, was die jungen Franzosen heute wieder anstreben: das elektrifizierte, der internationalen Konkurrenz standhaltende Chanson. Schließlich sind sie alle weniger die Kinder von Marx als die von Coca-Cola.

Im Begleittext zu seiner schönen und aufschlussreichen Kompilation Le Pop – Die Chansons der Nouvelle Scène Française verlegt Oliver Fröschke die Geburtsstunde der Bewegung ins Jahr 1992, als Phillipe Katerine und Dominique Ané im bretonischen Nantes jeweils auf Vierspurgeräten ihre Debütalben einspielten. Am selben Ort wurde das fortan wichtige Independent-Label Lithium Records gegründet, das wohl nicht zufälligerweise so heißt wie einer der bekanntesten Nirvana-Songs. Man darf die geografische Konstellation programmatisch nennen, denn das Chanson ist eine Kunst der Solisten, die sich bei langen, einsamen Strandspaziergängen an der Atlantikküste wohler fühlen als im Pariser Gesellschaftsleben. Was sie aber keineswegs daran hindert, miteinander bekannt oder liiert und jeweils als Gast auf den Alben der Kollegen präsent zu sein.

Dunkle Sinfonien für den Abend vorm Kamin

Auch Benjamin Biolay, der zuvor als Komponist und Arrangeur – unter anderem für den 85-jährigen Chansonnier Henri Salvador – im Hintergrund wirkte, zieht es ans Meer. Auf dem Cover seines Debütalbums Rose Kennedy posiert er vor dem rostigen Strandpromenadengeländer eines Seebades. Er trägt einen schwarzen Mantel und versucht, auf möglichst lässige Weise zu rauchen. Ein bisschen linkisch wirkt das, weil Biolay zwar stolze 29 Jahre auf dem Buckel hat, aber sichtbar gern doppelt so alt wäre, und auch das Cover im Retro-Layout trägt die Gebrauchsspuren einer alten Schallplattenhülle: Ach, mit mehr Falten im Gesicht könnte man viel überzeugender traurig klingen!

Anlässe zur Tristesse gibt es ja genug: „Novembre est éternel / La vie est presque belle.“ Biolay beschwört die schwermütigen Geister der Vergangenheit mittels Sample-Technik und blendet Dialogfetzen aus Marilyn-Monroe-Filmen ein. Die Szenen aus Some Like It Hot und River Of No Return kollidieren mit den kalten Bildwelten dieses Konzeptalbums, das nach der Mutter von John F. Kennedy betitelt ist. Biolay ist eine eigenwillige Platte in Moll gelungen, wie sie auf der anderen Seite des Kanals die Tindersticks oder The Divine Comedy gemacht haben.

In der Personaldramaturgie der Neuen Französischen Szene gibt Françoiz Breut die kühle Chanteuse, wie schon ihr Albumtitel Vingt A Trente Mille Jours klar macht, der ganz unillusorisch die menschliche Lebenserwartung in Tageseinheiten benennt: „C’est sûr, pour bien faire, c’est trop court.“ Vor allem ist das so schön schonungslos pessimistisch, als habe sich Morrissey in eine Französin verwandelt: Breuts Album, zum Großteil geschrieben von ihrem Exfreund Dominique Ané, ist eine dunkle Sinfonie für den Abend vorm Kamin, wenn der Winter Eisblumen ans Fenster malt.