Johannes Brahms nimmt sich ein erhebendes Thema von Haydn vor, um es in den Durchlauferhitzer zu schicken. Dabei wird ihm selbst ganz heiß. Er schreibt die ersten Takte hin und beginnt bald zu korrigieren, streicht die Violinen und Bratschen weg, korrigiert die Artikulation. Die Tinte fließt, die Feder kratzt, der Bleistift knarzt, überall schnell getupfte Noten, Verfeinerungen neben Verwerfungen – und unten auf der Partiturseite warnt er sicherheitshalber noch vor übermäßigem Gebrauch der Tuba. Bis zum letzten Moment, bis zur Drucklegung seiner Haydn-Variationen, ist Brahms selbstkritisch mit deren Optimierung beschäftigt: dem verehrten Klassiker nur das Beste!

80 Blicke in die Werkstätten großer Tonsetzer gestattet jetzt der prachtvolle Band Musikerhandschriften.Von Heinrich Schütz bis Wolfgang Rihm. 360 Jahre Komponiergeschichte vergehen auf 180 Seiten wie im Flug. Im fortgesetzten Blick über Meisterschultern erblicken wir lauter Autografen aus allen erdenklichen Schaffensstadien – von Skizzen (Berg und Stockhausen) über Einzelstimmen (Vivaldi und Schönberg) und Particelle (Wagner und Schreker) bis hin zu Klavierauszügen und kompletten Partituren. Ein Variationswerk über Linien, Punkte und Balken, über Augenfutter und Großzügigkeit, Temperament und Gediegenheit tut sich da auf, verfasst von einem Komponistenkonsortium, das vereint ist im täglichen Zwang zum Handwerkertum.

Von Seite zu Seite verändern sich die Eindrücke. Wir sehen Papier als dürren Untergrund für fixe Entwürfe (Britten) oder als golddekoriertes Ornament (Froberger), wir reiben uns die Augen vor der peniblen Kalligrafie Strawinskijs und dem druckreifen Schönschrifttum Hindemiths, vor dem frappierenden Minimalismus Hugo Wolfs oder dem putzigen Ordnungssinn von Richard Strauss. Einen Musterschülerpreis gewinnt der Österreicher Franz Schmidt für die pedantisch ausgemalten Noten eines Orgelpräludiums. Irritiert sind wir von den wild und vielfarbig erarbeiteten Verläufen und mathematischen Kombinationen in Bergs zwölftöniger Lyrischer Suite. Pingelige Rasuren und Überklebungen bei Bruckner künden von notorischer, freilich sorgfältig getarnter Unzufriedenheit. Keine Spur reinlichen Wesens hingegen bei Rameau, dessen Partitur erkennbar der Arbeit dienen soll, nicht der gefälligen Optik (dafür waren die Kopisten zuständig).

Köstliche Details bieten die Praktiker ihres Instruments: Paganini spreizt eine einzelne Violinstimme über vier Systeme, damit der Geiger den polyfonen Bauplan der kompakten Griffe entdecken kann. Schumanns fis-Moll-Sonate atmet sogar in den Noten die gedrängte Energie aus Schwung und Genauigkeit. Einer der legendären Höhepunkte: das Hostias aus Mozarts letztem Werk, dem Requiem. Auf der Partiturseite sehen wir unten den Chorsatz mit beziffertem Bass, oben die Stimme der Violine eins, dazwischen viele leere Linien, die Mozart noch füllen wollte. Der Tod als gähnendes Loch im Notenbild.

Der Band dokumentiert nicht nur die Entwicklung der Notenschrift und der Notationsstile, sondern die der neueren Musikgeschichte überhaupt. Mit der Zeit werden die Partituren dichter und dichter, die Musiker werden immer präziser informiert. Bei Corelli oder Purcell stehen nur Noten da, bei Puccini (La Bohème) erlangen sie bereits bildliches Leben durch weiträumig und doch genau formulierte Bögen und Phrasierungsvorschriften, Tempo- und dynamische Anweisungen. Und bei Pierre Boulez vermutet man, der Komponist habe mit der Lupe über seiner Tombeau- Partitur gesessen. Zuvor hat Hanns Eisler den Nachweis erbracht, dass irgendwann jede gute Kolonialwarenhandlung auch Radiergummis im Sortiment hielt. Neben jedem Autografen erläutert ein Text die historische Situation des Schreibvorgangs. Leider gehen manche Autoren kaum auf Besonderheiten des Notenbilds ein. Wieso läuft am Fuß der Partitur von Tschaikowskijs Eugen Onegin der Klavierauszug mit? Warum fehlt neben dem wüsten Fetzen der Urversion von Jenufa eine Diskussion der für Janá‡ek charakteristischen Fassungsproblematik? Stattdessen handelsübliche Lebensläufe mit Werk- und Wirkungsgeschichte. Wo wir schon bei den kleinen Mängeln dieses eindrucksvollen Bandes sind: Er enthält zu viele Blätter aus dem Fundus der Österreichischen Nationalbibliothek, dagegen, als finales Alibi übrigens, nur eine einzige Komponistin (Sofia Gubaidulina). Wer etwa die auffällig schöne Handschrift Fanny Hensels mitsamt den kostbaren Vignetten ihres malenden Gatten Wilhelm kennt, der weiß, welcher Schmuckwert dem Band hier entgangen ist.