Doch, das Knirschen von Styropor auf Glas kommt jetzt noch eine Spur plastischer. Die Stahlgewitter haben an Volumen gewonnen, die gefürchteten Pressluftgeräusche sind klar in der Kontur und präzise im Abgang. Was mehr denn je ausbleibt, ist der versprochene Hörsturz. Zuletzt wird eben alles Audiophilie.

Es hat etwas Ironisches, den Einstürzenden Neubauten in digital aufbereiteten Schmuckeditionen wiederzubegegnen: So viel Radau, und auch schon wieder Geschichte. Bedenkenlos lässt sich zu Weihnachten verschenken, was einmal garantiert ungenießbar sein sollte, und womöglich ist dies nicht nur der Gang der Dinge, sondern sogar im Sinne der Künstler. Eighties-Revival hin oder her – die Neubauten haben begonnen, ihren Nachlass zu ordnen: Ausgaben letzter Hand vom größten lebenden Lärmgesamtkunstwerk vor Einbruch der Berliner Republik, angereichert um Seitenstücke und Raritäten aus den Archiven.

Die Geschichte muss deswegen nicht neu geschrieben werden, wohl aber die ein oder andere hartnäckige Legende korrigiert. Dass die Radikalität der frühen Tage („Höre mit Schmerzen!“) bürgerlichen Verweichlichungstendenzen gewichen sei, beispielsweise. Tatsächlich ist (fast) alles, was die Neubauten ausmacht, bereits auf Die Zeichnungen des Patienten O. T. von 1983 voll entwickelt, die Band versteht es unter Produzent Jon Caffery einfach noch nicht so gut, ihre Vision technisch umzusetzen. Der Wille zur Größe bleibt expressionistischer Schrei, untermalt von düsteren Klangschwaden und rohem, mit hörbarem Spaß am eigenen Brutalismus improvisiertem Geklöppel.

Garstige Reiter der Apokalypse, wie von Dürer in Holz geschnitten

Diffiziler das Verhältnis der Neubauten zur Avantgarde der Lärmmusiken. 1/2 Mensch, die Platte zur Jahrzehntmitte, kennt rudimentäres Sampling, generiert aus Sound-Brocken, die zur Schlaufe gebunden sind. Das Geräusch wird tanzbar, rumpelt in brachialen Disco-Varianten einher, auf dass die Zähne klappern. Gareth Jones, bekannt für sein Schaffen im Dienste der Techno-Pioniere Depeche Mode, leistet jetzt am Mischpult Geburtshilfe. Die modernste Neubauten-Platte: Der Weg zur so genannten Electronic Body Music wäre geebnet gewesen für Blixa Bargeld und seine Gesellen, doch blanke Modernität war die Sache der Neubauten nie.

Ihr Ding ist bekanntlich der Gegen- und Budenzauber: kryptische Botschaften an Höhlenwänden, flackerndes Licht – tanz den Atavismus! Statt Erlösung durch Technik zu demonstrieren, stöhnen die Maschinen vor Todessehnsucht, während Bargeld zunehmend versiert Pathosformeln darüber deklamiert. Man hört den Zeugnissen der späten Achtziger an, dass er seinen Benjamin gelesen hat und bereit ist, Gebrauch davon zu machen. Der viel beklagte Hang zu Zitat und Manier! Aber süffig, mit Instinkt für den Effekt. Auch diese Legende muss korrigiert werden: Die Bargeld-Truppe war stets höchstens mit halbem Herzen eine Avantgarde-Band. Meisterhaft dagegen beherrscht sie die aus dem Pop stammende Kunst der Selbststilisierung: als gebildete Neobarbaren oder auch garstige Reiter der Apokalypse, wie von Dürer in Holz geschnitten.

Dass diese hoch pathetische Gestimmtheit zum alten (West-)Berlin gehört wie Brandmauern, Braunkohlegeruch und Krawalle zum 1. Mai, hat sich herumgesprochen. Fast ein wenig heimelig tönt’s im Nachklang: Wie einfach es damals war, raunend den Geist der Zerstörung zu beschwören, und wie harmlos, im Vergleich zu späteren Zündeleien! Schon wahr, dass die Neubauten für die weltabgewandten Berliner Stadtteile Kreuzberg und Schöneberg eine vergleichbare Rolle spielten wie Herbert Grönemeyer für das Ruhrgebiet oder BAP für Köln. Sie fassten das Mauerkolorit in Verse, konservierten das Sentiment hochfahrenden Kunstwillens und nächtlicher Abstürze in biotopischen Bars ohne Sperrstunde. Und doch wäre es ungerecht, bloß eine Heimatkapelle in ihnen zu sehen.

Nein, das, was einem im Zeithorizont der Achtziger gehörig auf die Nerven gehen konnte, muss im Nachhinein als ihr eigentlich kreativer Akt angesehen werden: die Schaffung eines Sounds, der in seinem Theaterdonner die Geisteskultur der Vorwendezeit mitsamt der darin umgehenden Gespenster repäsentierte wie kein zweiter. Man könnte ihn German Gothic nennen, weil alles, was seinerzeit auf bundesdeutschen Bühnen hoch, heilig und ein wenig gruselig war, Platz darin hat: Altfränkisches, Frankophiles, Gepolter aus dem Führerbunker, mephistophelische Gründgens-Tonfälle und Seltsamkeiten aus dem Grimmschen Wörterbuch. Erst das brachte japanische Mädchen zum Kreischen: die Vorstellung, Deutsche hätten, von sich und der Geschichte umgetrieben, nichts anderes zu tun, als in Kellern Stahlrohre zu bearbeiten und sich dabei unablässig auf die Brust zu schlagen.