Die Zwillinge Paul und Nick sind das, was man gern „Sonnenschein“ nennt. Die acht Monate alten Kleinkinder sind aufgeweckt und entwickeln sich normal. Gerade haben sie zum Beispiel entdeckt, wie Krabbeln funktioniert, und beginnen, ihre Umgebung unsicher zu machen. „Eigentlich hätte ich mich über die zwei gesunden Jungs freuen müssen“, sagt ihre Mutter Verena Philipps, „aber das konnte ich nicht.“ Stattdessen hat die 34-Jährige nach der Geburt nächtelang geheult, erlebte statt des erhofften Mutterglücks eine tiefe Depression. Ein neuer Partner, ein Umzug, der Tod eines nahen Freundes und die abwechselnd schreienden Zwillinge – „das war zu viel“, sagt Philipps und spricht von einer „Abwärtsspirale“. „Ich hatte echte Panik, dauerhaft depressiv zu werden oder durchzudrehen.“ Schließlich wurde sie im Zentrum für Soziale Psychiatrie in Heppenheim als Notfall aufgenommen.

So hart wie Verena Philipps trifft das Schicksal zweifellos nur wenige Mütter. Doch auch viele andere erleben nicht das Mutterglück, das gemeinhin als selbstverständlich erwartet wird. Einer Studie der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart zufolge zeigen 17 Prozent aller Mütter zwei Monate nach der Geburt Anzeichen einer Depression. Dabei wurden 772 Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen untersucht. Bei etwa einem Viertel dieser Frauen hatten sich wiederum einen Monat später die Anzeichen zu einer behandlungsbedürftigen Depression verstärkt. Studien aus den USA, Skandinavien und Großbritannien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

„Wir wissen heute, dass die Depressionen unter Müttern im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes viel verbreiteter sind, als man das bisher angenommen hat“, sagt der Beziehungsforscher John Gottmann, der an der Universität Seattle seit Jahren Ehepaare untersucht und heute am Talaris Research Institute in Seattle arbeitet (ZEIT Nr. 48). „In einer Langzeitstudie gaben kürzlich 70 Prozent der Eltern an, dass sich die Qualität ihrer Beziehung nach der Geburt des Kindes verschlechtert hatte“, berichtet Gottmann. Der Schlüssel dazu liege oft bei den Vätern. Viele von ihnen hätten den Arbeitsaufwand unterschätzt und wollten sich auf die „Umwertung ihres Lebensgefühls“ nicht einlassen. Die Mütter hingegen würden die Herausforderung, ein neues Selbstbild zu entwerfen, eher annehmen – auch wenn das „oft nicht ohne Depression gelingt“, sagt Gottmann.

Mehr als ein „Heultag“

Solche „postpartalen Depressionen“ sind nicht zu verwechseln mit einem Heultag kurz nach der Geburt des Kindes. „Den Baby-Blues erlebt mehr als die Hälfte der Frauen“, sagt Claus-Ludwig von Ballestrem von der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart. „Hier aber geht es um Krankheitsbilder, die bis zu einem Jahr anhalten können und die Beziehung von Mutter und Kind enorm beeinträchtigen“ – so wie es etwa bei Verena Philipps der Fall war.

Ihr wurde bald klar, dass sie psychiatrische Behandlung brauchte, womöglich ins Krankenhaus gehörte. „Aber ohne meine beiden Jungs? Undenkbar.“ Orte, an denen Mutter und Kind gemeinsam behandelt werden können, sind in Deutschland rar. Erst nach zahlreichen Absagen hörte Philipps vom Zentrum für Soziale Psychiatrie in Heppenheim, das Mutter und Kind gemeinsam aufnehmen kann. Zwei Monate lebten Paul, Nick und ihre Mutter hier mit Schizophrenie-Kranken und schwer depressiven Menschen – eine lange Behandlungszeit, bis Verena Philipps wieder das Gefühl hatte, auf eigenen Füßen stehen zu können.

Gibt es Frauen, die besonders depressionsgefährdet sind? „Der klarste Risikofaktor ist eine psychische Erkrankung in der Vorgeschichte“, sagt Hans-Peter Hartmann, Ärztlicher Direktor in Heppenheim. Ein Drittel der in der Stuttgarter Studie befragten schwermütigen Frauen hatte vor der Schwangerschaft schon mindestens eine depressive Phase. Auslöser kann aber auch eine unglückliche Beziehung sein, mangelnde soziale Kontakte, eine ungewollte Schwangerschaft, Komplikationen während der Geburt. „Oder aber der Säugling ist schwierig, schreit viel und schläft kaum“, sagt Hartmann.

Viele Frauen verlangen dann zu viel von sich, hat die Psychologin Corinna Reck von der Universität Heidelberg beobachtet. „Sie erleben Tag für Tag Enttäuschungen. Als Reaktion werden sie schwermütig.“ Zunehmend seien dabei Frauen betroffen, die im Berufsleben sehr erfolgreich seien und ein starkes Leistungsdenken hätten. Wenige Monate nach der Geburt fühlen sich die Frauen häufig leer, gefühllos, sehen keinen Sinn in dem, was sie tun, haben Schuldgefühle und Versagensängste.