Herr von Knebel mochte den Besucher nicht. „Seine glatte Rhinocerosstirne, sein vorgeschobenes Untergesicht, auch den häßlichen Spitzbauch“ monierte er in einem Brief und mokierte sich über die „zutrauliche Höflichkeit des Gastes“, der unangemeldet „zur Hinterthüre“ hereingekommen sei, womöglich gar noch ein Mittagessen erhoffend. „Der – der große Kapellmeister Reichardt!“, schrieb höhnisch Knebel, eine der kleineren Leuchten aus Goethes Dunstkreis. Denn dieser Kapellmeister war nicht nur alt und hässlich. Er war abgetan. Er galt als peinlich. Und verarmt war er außerdem.

Der Mann, den Tieck zufolge „alle Welt kannte“, Bahnbrecher des Kunstlieds, Meister des Singspiels, umjubelter Geiger, erster deutscher Musikjournalist, Hofkapellmeister Friedrichs des Großen, Reporter der Französischen Revolution, Wiegenhüter und Gastgeber der literarischen Romantik, dieser Mann, der einmal nach übereinstimmender Meinung „von auffallender Schönheit“ gewesen war – dieser Johann Friedrich Reichardt war in seinem 60. Lebensjahr ein Wrack, über dessen letztes, in Geldnot verfasstes Buch Beethoven seinem Verleger schrieb: „Was sagen Sie zu dem Geschmier?“ Dabei hatte Beethoven, wie er bekannte, „nur Bruchstücke“ gelesen. Seine Meinung folgte einfach dem ruinierten Ruf des Mannes, der als geigendes Wunderkind armer Leute in Königsberg die große Welt betreten und sie dann in einem Zickzackkurs durchmessen, durchrast, durchwandert hat. Es gibt im Deutschland der Klassik und der Frühromantik kaum einen Großen, den Reichardt nicht kannte, und kaum einen, mit dem er sich nicht auch verkrachte.

Am 25. November 1752 geboren, war Johann Friedrich früh in einen Rummel geraten, wie man ihn zur selben Zeit auch anderswo, in Salzburg zum Beispiel, mit hochbegabten Kindern trieb. Nur war sein Vater eben kein planvoller Leopold Mozart, sondern ein trinkfester Lautenist ohne feste Stelle, der sich, seine Frau und fünf Kinder nah an der Armutsgrenze durchbrachte. Seinen brillanten Sechsjährigen ließ er nächtelang bei Offiziersgelagen fiedeln, sah es aber auch gern, wenn Graf und Gräfin Keyserling das Kind in roten Sammet kleideten und unter Kronleuchtern aufspielen ließen. Die paar Ansätze zu einer universellen Ausbildung, die Reichardt später autodidaktisch ergänzte, verdanken sich bürgerlichen Königsbergern, darunter Immanuel Kant, der den wachen Knaben nicht aus den Augen verlor, Musik aber für eine „Beschäftigung ohne Zweck“ hielt und zum Jurastudium riet. Reichardt gehorchte, hat aber vor allem die Nächte durchgemacht, gemeinsam mit dem jungen Dichter Lenz, der später Reichardts Vater in seinem Stück Der Hofmeister als Lautenlehrer Rehaar karikierte. Mit 19 Jahren brach Reichardt das Studium ab und zog „hinaus in’s Weite“. So sagt er das in seiner Autobiografie, dem ersten literarischen, nicht bloß fachbezogenen Selbstporträt eines Musikers, zugleich Bildungsroman, Anekdotengalerie und frühromantischer Wandertext, der an den Taugenichts erinnert. Kein Wunder, dass sich später auch Eichendorff an Reichardts Tafel findet.

Doch bis der zum legendären „Herbergsvater der Romantik“ wird, muss er noch lange wandern. Er spielt von der Hand in den Mund, wird als „großer Geiger“ schon 1773 vom Musikreisenden Charles Burney gewürdigt, musiziert in Hamburg mit Carl Philipp Emanuel Bach, komponiert eine Ode von Klopstock zu dessen Pläsier – und kehrt nach dreijähriger Geniereise mittellos nach Königsberg zurück.

Dort verschaffen ihm Freunde eine erholsame Stelle als Kammersekretär, aus der sich Reichardt zwei Jahre später zum nobelsten Musikposten Preußens hochkatapultiert. Ein kurzer Bewerbungsbrief und eine Opernpartitur genügen, um den 23-Jährigen für Friedrich den Großen interessant zu machen. Der sucht einen willfährigen Kapellmeister für sein Opernhaus. Ein Museum, in dem der Monarch die Ästhetik seiner Jugend konserviert, Molltonarten verbietet, mit seinem Stock laut den Takt schlägt und Soldaten ins Parterre kommandiert, weil trotz freien Eintritts kein Berliner kommen mag.

Wie der 63-jährige König den Kandidaten empfängt, auf dem Sofa liegend, „in seiner gewohnten, militärischen Uniform, mit einer hellblauen, seidnen Decke bedeckt, den alten, grossen Hut auf dem Kopfe, nur seitwärts von mehreren hohen Wachslichtern beleuchtet“, während er seine kläffenden Windspiele beschwichtigt, das hat Reichardt mit dem scharfen Blick gesehen, den nur die Wanderer haben, Suchende, die nirgendwo richtig dazugehören.

18 Jahre hält sich der neue Hofkapellmeister auf dem Posten, auch unter dem nächsten König. Aber seine Gaben entfaltet er anderswo. Etwa als Verfasser und Verleger des Musikalischen Kunstmagazins, einer journalistischen Pioniertat mit Essays, Analysen, Kritiken, Nachrichten in „kühn dahinströhmender Sprache“, wie Reichardt sein Stilideal beschreibt. Mit nur 327 Subskribenten bleibt das Projekt ein Verlustgeschäft. Ein anderes Forum ist seine Wohnung in Berlin. Hier veranstalten die (insgesamt zwölf) Familienmitglieder Konzerte und Theaterabende, die der junge Ludwig Tieck als wegweisende „Kunstschule“ erlebt.

Und dann ist da das Landgut bei Halle, in Giebichenstein, an das der Gast Eichendorff sich später erinnert: „Wie mancher junge Poet … saß auf der Gartenmauer zwischen den blühenden Zweigen die halbe Nacht, künftige Romane vorausträumend.“ Novalis, Tieck, Jean Paul, Wackenroder, Brentano, Arnim, Schlegel, Voss, die Grimms – keiner fehlt in diesen Sommern nach 1790. Hier erfindet die Romantik sich selbst, mit Reichardt als einem Prospero, der dem Personal beibringt, aus den Gebüschen zweistimmige Hornweisen ertönen zu lassen, wie sie auch in seinem Singspiel Die Geisterinsel (1798) nach Shakespeares Sturm zu hören sind. Es ist sein erfolgreichstes Bühnenwerk, eine ganz eigentümliche, zerbrechliche Verbindung aus Tonfällen der Mozartschen Zauberflöte, Orchesterfarben von lyrischer Transparenz und voll von wundersam eingängigen, oft melancholischen Melodien. Sie gingen noch Schubert durch den Kopf.