Kurz nach der guten Nachricht beginnt die Qual. Die werdende Mutter freut sich auf das Kind – und fühlt sich sterbenskrank. Jeden Morgen plagt sie Brechreiz, ihr ist schwindlig, sie fühlt sich schlapp. Über die Hälfte aller Schwangeren hat in den ersten vier Monaten unter solchen Symptomen zu leiden; bei 20 Prozent hält die Übelkeit bis zum Ende der Schwangerschaft an. Doch trotz ihrer Häufigkeit gibt die Befindlichkeitsstörung den Medizinern immer noch viele Rätsel auf. Kürzlich veröffentlichte das Fachblatt American Journal of Obstetrics and Gynecology eine Sonderausgabe, die sich ausschließlich mit diesem Thema befasste. Das Fazit der Autoren: Es gibt mehrere Auslöser. Die Hormone spielen verrückt, Magen und Darm ändern ihre Rhythmen, und obendrein beeinflusst die Psyche das ganze Elend.

Gleich zu Beginn der Schwangerschaft nimmt das Übel seinen Lauf. Ein im Mutterkuchen (Plazenta) gebildetes Hormon, das auch bei Schwangerschaftstests gemessen wird, scheint eine entscheidende Rolle bei der Übelkeit zu spielen. Der Spiegel dieses Beta-HCG (humanes chorionisches Gonadotropin) steigt nach der Befruchtung im Blut an. Auf welche Weise genau es das Gehirn zum Brechreiz zwingt, ist bislang ungeklärt. Sicher ist nur, dass manche Frauen auf den Stoff heftiger reagieren als andere. Möglicherweise ist die Empfindlichkeit dem Hormon gegenüber vererbbar. Das könnte erklären, wieso eineiige Zwillingsschwestern ähnlich reagieren – und genauso Töchter wie ihre Mütter.

Entscheidend ist auch, wie viel von dem Schwangerschaftshormon im Kopf anflutet. „Im Fall von Mehrlingsschwangerschaften steigt der Beta-HCG-Pegel höher an; deshalb leiden diese Frauen besonders stark unter Übelkeit“, sagt Irene Hösli, Abteilungsleiterin für Geburtshilfe und Schwangerschaftsmedizin der Universitätsfrauenklinik Basel. Ist das Baby ein Mädchen, liegen die Beta-HCG-Werte ebenfalls höher und wird häufiger Übelkeit verzeichnet – ein Hinweis auf das Geschlecht des Kindes.

Dem Embryo im Bauch scheint die mütterliche Übelkeit keinerlei Schaden zuzufügen. „Wenn die Frau aber pausenlos erbricht, sie deshalb austrocknet und sich die Konzentration der Salze im Blut stark verändert, dann kann es auch für das Kind gefährlich werden“, warnt Hösli. Dann handle es sich um ein ernstes Krankheitsbild, und die Schwangere müsse rechtzeitig eine Infusionstherapie erhalten und im Krankenhaus beobachtet werden. Dort kommt dann nicht selten die dritte, psychische Komponente der Übelkeit zum Tragen.

Schon die professionelle Fürsorge sorgt aber oftmals dafür, dass sich die Symptome rasch beruhigen. „Am Anfang der Schwangerschaft verstärken sich die Wirkungen von Hormonen und Stress gegenseitig und führen zu einem Teufelskreis“, sagt Peter Dürig, Leitender Arzt der Frauenklinik am Inselspital in Bern. Oft handle es sich dabei um eine „psycho-soziale Problematik“, gerade wenn das Kind nicht geplant sei. Partnerschaftsprobleme oder der Stress, bald Mutterrolle und berufliche Karriere unter einen Hut bringen zu müssen, können ein Übriges tun. Das US-Fachblatt empfiehlt in solchen Fällen Hypnose oder Psychotherapie.

Doch eine zerrissene Seele allein kann die Befindlichkeitsstörungen kaum verursachen. Dagegen sprechen handfeste körperliche Veränderungen wie Hormonschwankungen und messbare Bewegungsstörungen des Magen-Darm-Trakts, bei denen die Magenmuskulatur erschlafft und der Dünndarm seinen Inhalt in Richtung Speiseröhre katapultiert.

Medikamentös lässt sich gegen die Misere wenig unternehmen. Wissenschaftliche Forschung mit neuen Medikamenten wird aus Angst vor negativen Auswirkungen auf das Baby so gut wie gar nicht betrieben. Kaum eine schwangere Frau wäre bereit, an Studien teilzunehmen – zu tief sitzt die Angst vor Missbildungen des Embryos wie durch Contergan. Vor fast zwanzig Jahren zog ein US-Pharma-Hersteller sogar ein effektives Präparat vom Markt, aus Furcht vor Klagen.

Die meisten Ärzte setzen deshalb weiterhin auf Altbewährtes: Meist verordnen sie ein harmloses Antibrechmittel und Vitamin B6. Auch gilt Ingwer, in Form von Tee oder in die Speise geraspelt, als Hilfe. Viele Frauen möchten ohnehin keine Medikamente schlucken und hoffen auf die Gesetze der Natur: Meist verschwindet der Spuk nach dem vierten Monat ganz von allein.