Wenn es noch eine Hoffnung gibt, dann die: „Kann man hier auch Musik kaufen?“, fragt der Soldat, und die sonst um nichts verlegene Lemberger Bordellbesitzerin weiß ausnahmsweise nicht recht, was sie antworten soll. Weil man aber später immer noch nein sagen kann, sagt sie erst einmal ja. „Zehn Jahre meines Lebens“, sagt er, „würde ich dafür geben, wenn ich noch einmal ein ganzes Schubert-Lied hören könnte“, und sie verkauft ihm ein Klavier für die Nacht und ein Mädchen – die „Opernsängerin“. Als der Morgen graut, sind die beiden tot, gestorben im Auto: Olina, eine polnische Spionin, die als Prostituierte arbeitet, und Andreas, ein deutscher Soldat, der zurück an die Front muss. Eine Schicksalsgemeinschaft.

So endet die lange Erzählung Der Zug war pünktlich von Heinrich Böll, mit der er nach dem Krieg als Schriftsteller debütierte. Musik spielt in Bölls Œuvre kaum je eine prägende Rolle, obwohl er seine Romane vor der Niederschrift gewissermaßen um großsinfonieartige Blöcke herum komponiert und mitunter sogar auf einem langen Tapetenstück grafisch gesetzt hat. In dieser frühen Erzählung jedoch reicht allein die Erwähnung bestimmter Namen, um Erinnerungsräume zu öffnen – Bach, Schubert, Chopin. Wenn Böll seine Helden musizieren lässt, ist jedes Zitat ein erzählerisches Passepartout zum Grund beider Seelen, und es ist ziemlich gleich, ob Andreas eine Beethoven-Sonatine spielt oder Olina den Schlager Ich tanze mit dir in den Himmel hinein. Musik als letzter Halt.

Die cis-moll-Nocturne als Schlüssel zur Seele

Bölls Buch ist in denselben Jahren entstanden wie Wladyslaw Szpilmans Erinnerungen an sein Überleben in Warschau in und außerhalb des Ghettos. Roman Polanski hat die Autobiografie des Musikers unter dem Titel Der Pianist berührend und genau verfilmt. Der Film hat schlagartig das Interesse an der realen Figur Szpilman geweckt, der die Premiere des Pianisten bei den Festspielen in Venedig leider nicht mehr erleben konnte (er starb im Jahr 2000). Und er hat erstaunlich viele Käufer bewogen, sich zumindest den Soundtrack zu besorgen.

Die Musik im Film offenbart einiges über das Vorgehen des Regisseurs Roman Polanski, der nicht nur die dialogische Struktur vollends ausgedünnt hat, sondern auch die Tonspur sorgsam vor Überfrachtung schützt. Als einer von mehreren möglichen Schlüsseln zum Inneren von Wladyslaw Szpilman dienen – wie in Bölls Erzählung – Kompositionen von Frédéric Chopin, dessen Musik von den Nazis sofort nach dem Überfall auf Polen mit einem kategorischen Aufführungsverbot belegt worden war. Im Film ist das die frühe cis-moll-Nocturne, die Szpilman im Polnischen Rundfunk gerade aufnimmt, als seine Welt (und dann die Welt überhaupt) anfängt zusammenzubrechen. Er interpretiert dieselbe Nocturne, als der Sender nach dem Krieg seine Arbeit wieder beginnen kann: sehr ruhig und sachlich, also eher in der Manier Alfred Cortots als in der des Nachgeborenen Evgeny Kissin, wie man jetzt auf den nachgelassenen Aufnahmen nachprüfen kann. Der Musik ist nichts passiert, weil solcher Musik nichts passieren kann – so hört es sich an.

Man nannte ihn den polnischen Paul McCartney