Film

Das Trauma der Frühe

„Montag Morgen“ von Otar Iosseliani ist ein filmischer Protest gegen das Aufstehen

In einem gut gelaunten Theorieanfall sagte Jacques Derrida einmal, das Klingeln des Weckers symbolisiere das letzte große Schisma der Moderne. Als brutales Signal teile es das Dasein in zwei Bereiche und den Menschen in zwei zivilisatorische Aggregatzustände – Muße und Ökonomie, selbstvergessenes Ich und gesellschaftliche Rolle. Nach Derrida müsste das Klingeln des Weckers an einem Montagmorgen demnach die Klimax dieser Katastrophe sein. Ein allwöchentlich durchlebtes Trauma, das uns vom bettwarmen Selbstsein rücksichtslos nach draußen in eine Woche der Arbeit und der Repräsentation zwingt. Der montägliche Terrorton ist die akkustische Knute unserer Kultur, einsam wahrgenommen und doch kollektiv erduldet. Schier grenzenlos ist die sadomasochistische Kreativität des Menschen bei der Erfindung immer neuer bösartiger Aufstehtöne zwischen Stakkatosirenen und wespenhaftem Summen, eine alarmistische Kakophonie, in der uns das ganze Ausmaß unserer Entfremdung entgegenpiepst und schrillt.

Fasst man diese Erfahrung ein wenig weiter, dann ist das Werk des Filmemachers Otar Iosseliani eine einzige Revolte gegen den Montagmorgen. Seit Jahrzehnten verweigern sich die Figuren des Georgiers dem Zugriff einer als wesensfremd empfundenen Moderne – und damit letztlich dem Aufstehen. Bei Iosseliani kämpfen Weinbauern gegen ein Plansoll, das sich nicht um Qualität schert (Die Weinernte, 1967), verweigern sich verträumte Orchestermusiker dem Primat der Pünktlichkeit (Es war einmal eine Singdrossel, 1970), stemmen sich alte Damen gegen Makler, die ihr Schloss verhökern wollen (Jagd auf Schmetterlinge, 1992), staksen exotische Vögel mit unfassbarer Langsamkeit durch eine chaotische Familie (Marabus, 1998). Der antimoderne Affekt von Iosselianis Helden hat nichts Politisches, eher handelt es sich um einen tief verwurzelten Instinkt, der um seine Vergeblichkeit weiß. Man könnte von einer noch nicht ganz ermatteten Widerständigkeit sprechen, so wie man sich Montagmorgen nach dem ersten Weckerton noch einmal kurz auf die Seite dreht, obwohl man weiß, dass der Kälte, dem Wasserhahn, dem ersten resignierten Blick in den Spiegel nicht zu entkommen ist.

Lundi MatinMontag Morgen heißt ganz schlicht und zugleich programmatisch Otar Iosselianis neuer Film, der auf der letzten Berlinale einen Silbernen Bären gewann. Zu Beginn erleben wir Vincent (Jacques Bidou), dessen Tagestakt mit dem Weckerklingeln beginnt. Sein Haus steht irgendwo in der französischen Provinz, also einer Gegend, in der man noch schnell die Hühner füttert, bevor man mit dem R5 zum Bahnhof fährt. Einen Schnitt und eine Zugfahrt weiter nimmt er einen Bus zum Fabriktor, wo ein riesiges Schild darauf hinweist, dass das Rauchen verboten ist.

Ein paar Tropfen für die Gräber

Die Fabrik, eine Ansammlung von Schloten, Tanks und Rohren, ist eine jener seltsam realistischen Metaphern, die es nur in Iosselianis Filmen geben kann. Wir wissen nicht, was in diesem Ungetüm produziert wird, sehen aber ständig Männer mit Bauhelmen, die etwas tragen, heben, rollen und herumfahren, dazwischen unseren Helden, der hie und da eine Schweißnaht lötet. Hauptsächlich ist er aber damit beschäftigt, heimlich Zigaretten zu rauchen, die ihm seine Vorgesetzten prompt wieder entwenden.

Wie so oft interessiert Iosseliani weniger der Vorgang selbst, sondern sein Rhythmus. Er schickt die Kamera von William Lubtchansky in eine wunderbar musikalische Bewegung, die durch die kontrapunktischen Rauchversuche des Helden immer wieder leicht ins Stocken gerät. In dieser Bewegungspartitur gehört die Sympathie des Films eindeutig dem Einzelnen, der sich quer zum geschäftigen Fluss der Gesten, Handgriffe und Schritte stellt, doch selbst die monotone Arbeit ist bei Otar Iosseliani ein Gleiten von großer Schönheit.

Vincent wird sich aus der Partitur des Montagmorgens lösen, wird Frau, Familie, Arbeit verlassen und seinen eigenen Bewegungsbogen innerhalb des Films beginnen. Er wird seinen Vater besuchen, alte Freunde treffen und neuen begegnen. Er wird nach Venedig reisen, wo sich die Kamera in einem Panorama der Lagune verliert und das Bild zu einer einzigen großen Gleitbewegung aus Schiffen, Bötchen, Wellen und Meeresströmungen wird.

Die Reise des Mannes ist weniger Ausbruch als Auszeit. Man hat das Gefühl, als atme dieser weitgehend wortlose Film mit seinem Helden durch, ohne dass die genaue Natur dieser Erleichterung bestimmt würde. Freiheit kann für Iosselianis Weltenbummler bedeuten, auf einem venezianischen Platz inmitten von Auftragsmalern ein albernes kleines Aquarell zu malen. Oder mit einer Gruppe von wildfremden Männern mehrere Gläser Wodka auf wen auch immer zu trinken. Überhaupt werden aus jedem erdenklichen und unerdenklichen Anlass unglaubliche Mengen von Alkohol vertilgt, etwa im Rahmen eines zutiefst melancholischen Totengedenktrinkens, bei dem auch die Gräber ein paar Tropfen abkriegen – ganz ähnlich dem Rauchen sind Wein und Spirituosen bei Iosseliani immer auch hedonistische Chiffren von Autonomie und Selbstbestimmtheit. Selbst der schönste Rausch mag irgendwann ein Ende haben, aber als Akt der Entfesselung und Verschwendung steht er quer zur Ideologie des Montagmorgens und seiner eilfertigen Aufsteher.

Symptomatische Alligatoren

Wie jede echte Reise ist auch diese eine Art Bildungsroman. Zwar warten auf den Helden keine großen Erkenntnisse, aber doch ein paar schöne Begegnungen. Mit venezianischen Palazzi und adeligen Aufschneidern, schönen Frauen, toleranten Geistlichen und einem italienischen Kameraden, der eines Morgens zu einer italienischen Fabrik fährt, die ihren Arbeitern ebenfalls das Rauchen verbietet. Dass man auch in anderen Ländern mit Freunden trinkt und mit den Ehefrauen zankt, das Portemonnaie geklaut bekommt und dem Sog des Montags nicht entkommen kann, ist die sachliche Feststellung von Iosselianis Film. Daraus resultiert aber keineswegs ein fatalistisches Daseinsgefühl. Vielmehr bringt das Ausscheren des einen auch den Rhythmus der Daheimgebliebenen ein wenig aus dem Takt. Der Alligator, der eines Tages durch den Vorgarten des Hauses kriecht, ist da nur größeres Symptom für kleinere Veränderungen. Während Vincents Abwesenheit hat sich seine Frau das Rauchen angewöhnt und genehmigt sich hin und wieder einen Schnaps. Der Heimkehrer trägt plötzlich einen schicken weißen Anzug, und der erste einer unendlichen Reihe weiterer Arbeitstage beginnt mit einem Kuss. Das Reiseabenteuer als kleine Seelentröstung vor der großen Resignation?

Durch die Leichtigkeit, mit der dieser Film die Lebensstrategien aneinander reiht, ineinander greifen lässt und zu einer großen Bewegungssymphonie verbindet, bleibt offen, mit welcher Haltung der Regisseur Otar Iosseliani dem Montagmorgen als Daseinsmetapher begegnet. Man kann den Georgier als aufgeklärten Konservativen und Nostalgiker sehen, als ironischen Fortschrittskritiker. Für das Kino ist es ein Glück, dass seine Filmsprache stets so viel moderner ist als manches, was er mit ihr erzählen will.

Anzeige
  • Von Nicodemus
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service