Netanja

Miko ist Friseur und Patriot. Zwischen Föhn und Kämme hat er eine kleine Flagge vor seinen Wandspiegel gestellt. Trotzdem denkt der 35-jährige Israeli in letzter Zeit immer mal wieder ans Auswandern. Nach Neuseeland. Dort war er zwar noch nie, aber er hat gehört, wie schön grün da alles sein soll – und ruhig vor allem. Keine Anschläge, keine 60 Prozent Steuerbelastung für einen wie ihn, der sich glücklich schätzen darf, überhaupt noch Arbeit zu haben. Er spürt den Rückgang im Geschäft: „Die Leute gehen weniger aus, weil sie Angst haben und weniger Geld.“

Sein Laden liegt mitten im Zentrum von Netanja, einer Küstenstadt nördlich von Tel Aviv, die innerhalb der letzten zehn Jahre um 60000 auf heute 180000 Einwohner angewachsen ist. Dass es sich um eine echte Einwandererstadt handelt, zeigen die Namen der Restaurants: Odessa, Alpina, Chez George. Ein Reisebüro annonciert nur auf Russisch. Die Bank daneben wird von einem jungen Israeli aus Äthiopien bewacht. Auf den ersten Blick sieht alles nach normalem, betriebsamem Alltag aus. Dann aber springt die Rezession ins Auge. Gleich vier Schaufenster nebeneinander blicken leer hinaus auf den Platz der Unabhängigkeit. Hier gab es bis vor kurzem noch ein Fischrestaurant, ein Pub, ein Geschäft für Brautkleider, einen Waschsalon. Hochkonjunktur haben hingegen eine Pizzeria, die nach Hause liefert (wo man sicher vor Anschlägen essen kann) und ein Discountladen, bei dem alles bloß zwei Schekel (40 Cent) kostet.

Wo immer man hinkommt, reden die Menschen, sofern sie überhaupt noch darüber reden und sich nicht einfach abschotten von den immer gleichen schlechten Nachrichten, über zwei Themen: mangelnde Sicherheit und die miserable Wirtschaftslage. Im Abfall der Supermärkte wühlen abends Bedürftige nach Verwertbarem; manche Eltern geben ihren Sprösslingen zwei Pausenbrote mit in die Schule, weil ein Freund neuerdings ohne Frühstück in den Unterricht kommt. Im Radio läuft ein Spendenaufruf, damit dieses Jahr zum Lichterfest Chanukka alle Kinder kleine Geschenke bekommen können. Kein Tag, an dem – neben verübten oder versuchten Anschlägen – nicht über Familien berichtet wird, die kaum noch über die Runden kommen. Suppenküchen erschrecken in einer einst von sozialistischen Idealen geprägten Gesellschaft, die zwar nie reich, aber an solche Bilder nicht gewöhnt war.

Im Jahr 2000 lebte jeder fünfte Israeli unterhalb der Armutsgrenze, die monatlich bei knapp 600 Euro für ein Paar, knapp 1000 Euro für eine vierköpfige Familie liegt. Die Preise sind höher als in Deutschland; ein Gehalt reicht in der Regel nicht aus. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp elf Prozent, so hoch wie noch nie. Das gebeutelte Land zählt bereits das dritte Jahr mit negativem Wachstum – seit den sechziger Jahren gab es eine solche Krise nicht mehr. Während die Ausgaben im Verteidigungshaushalt wachsen, sinken Gehälter und Pensionen, bröckelt die kostenlose Gesundheitsversorgung.

Wer geht nach einem Anschlag schon in ein Einkaufszentrum?

„Ja, die Lage hat sich verschlimmert, doch man muss die Proportionen wahren“, sagt Eli Dallal, ehemaliger Direktor der Stadtverwaltung in Netanja, heute zuständig für die Entwicklung. „Immer mehr Menschen überlegen sich, ob sie sich eine Brille oder ein Paar Schuhe leisten können, aber niemand hungert. Wir sind nicht Indien. Es gibt hier Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe, Kindergeld.“

Noch können auch die Gutverdienenden weiterhin ihre teuren Jeeps und Luxuswohnungen unterhalten. Doch viele müssen immer öfter und länger in die Uniform schlüpfen, um mehrwöchige Reservedienste abzuleisten. Ein zusätzliches Risiko für den, der seinen Job noch nicht verloren hat – und eine weitere Belastung für die Wirtschaft.