Geroldshausen, ein kleines Dorf im Fränkischen bei Würzburg an der Bahnlinie Stuttgart-Berlin. Landwirtschaft, mittelständische Betriebe, 870 Seelen, Schlafstatt der Städte drum herum - Idylle, Runkelrüben, Pferdekoppel, Kühe auf der Weide. Wenn nur dieses Buch nicht wäre!

Da erbt ein Hamburger Autor 5200 Quadratmeter Ackerland aus örtlichem Familienbesitz und freut sich. Aber ganz so einfach ist ein deutsches Erbe nicht. Denn das unschuldige Fleckchen Mutterboden trägt den Flurnamen "Judenacker". Arisierter Besitz? Der Bedachte wird misstrauisch. Nicht umsonst hat er fünf Abhandlungen zum Nationalsozialismus geschrieben. Der Vater war bei der Leibstandarte Adolf Hitler, der Großvater Parteigenosse erster Stunde, als Ingenieur am Bau des Führerbunkers Wolfsschanze beteiligt.

Judenacker? Geroldshausen? Den Flecken kennt der Publizist Ulrich Völklein nicht nur aus seiner Kindheit bei der Omi. Der in Würzburg Geborene hat die erste Biografie des KZ-Arztes Mengele verfasst und weiß deshalb, dass der Auschwitz-Arzt und Mengele-Chef, der 1909 in Würzburg geborene Dr. med.

Eduard Wirths, aus diesem Dorfe stammt.

Ein Acker von Juden? Judenacker? Ein Jahr lang recherchierte sich Völklein durch die lokalen Schweigemauern hindurch in die Archive bis nach Amerika hinüber, und am Ende der Reise heißt sein "Tatsachenroman" dann Der Judenacker. Eine Erbschaft, erschienen 2001.

Völklein erzählt die 600-jährige Geschichte der Geroldshauser Juden. Am Einzelfall einer kleinen Kommune entfaltet er das ganze antisemitische Drama unserer Geschichte, berichtet von mittelalterlichen Massakern, Plünderungen und Pogromen

eine Horror- und Terrorgeschichte wird ausgebreitet von Berufsverbot, Ausgrenzung, Mordbrennerei, Niederlassungsbeschränkung, Namenszuweisung, Heiratsverbot und Schutzgelderpressung. Eine so plastisch komponierte Chronik, dass der Leser mühelos nachvollziehen kann, welch leichtes Spiel die Nazis ab 1933 hatten. Auch in Geroldshausen.