Entlang der historischen Route Paris–Istanbul rollt der Orient-Express vom Abendland ins Morgenland. Die Welt im Waggon und die Welt vorm Fenster sind Lichtjahre voneinander entfernt, aber bei jedem Halt öffnet der Schaffner die Verbindungstür

Istanbul, Sultan-Ahmed-Park. In dem kleinen Park zwischen Moschee und Hippodrom sammeln sich die Männer, um in der Frische des Abendwindes Zerstreuung zu suchen. Manchmal hebt einer die Hand, in der er wie in stiller Vergessenheit die Gebetskette hält, und ruft den rot gewandeten Teeverkäufer, damit er ihm aus dem silbernen Kessel das heiße Getränk serviere. Mit einer tiefen Verbeugung lässt der Mann den Tee in den Becher laufen und faltet die empfangene Geldnote zur Größe seiner Westentasche. Als ein weißer Faden nicht mehr von einem schwarzen zu unterscheiden ist, als die ersten Sterne die Spitzen der Minarette umkränzen, tönt der entrückte Gesang der Gebete herab und umschließt den Platz wie eine Kuppel. Einen Moment lang verschiebt sich die Zeit. Ist die verhüllte Gestalt, die sich dort aus der Menge löst, nicht ein König? Wird er den Gast nicht gleich zu sich winken, dass dieser ihm von der Reise erzähle? Nein, es ist nur die Sinnestäuschung der Ankunft.

Am östlichen Ufer des Bosporus, wo die Lichter der Anlegestelle schimmern, liegt der Bahnhof Haydarpasa. Dorthin setzten die europäischen Reisenden einst über, wenn sie den Orientexpress verlassen hatten. Sie hatten Ziele vor Augen, die noch märchenhafter klangen, als Konstantinopel es tatsächlich war: Aleppo, Bagdad, Kairo. Das Ehepaar Agatha Christie und Max Mallowan fuhr zu den irakischen und syrischen Ausgrabungsorten. Militärs, Hochadel und Industriebarone nutzten die Verbindung nach Kleinasien. So waren die zwanziger und dreißiger Jahre das Zeitalter der schönsten Geschichten um den sagenhaften Zug – seine Passagiere und die von wechselnden Staatsgrenzen herrührende Unbill waren der Stoff, aus dem die Fama entstand. Bis 1940 hielt die Orientfaszination den Zug in Fahrt.

Großer Bahnhof bei Fahrtantritt. Nur die Gepäckträger winken nicht

Durch Krieg und Grenzschließungen zerfaserte das Eisenbahnimperium dann jedoch. Waggons gingen verloren, wurden beschlagnahmt, getauscht, wiedergefunden und woanders angehängt, bis 1977 mit knirschenden Rädern der Orientexpress als Schatten seiner selbst die allerletzte Fahrt von Paris nach Istanbul antrat. Doch der Mythos konnte nicht sterben, er schlief nur. Der Zug war ein begehrtes Objekt geworden für Romantiker mit Geld. 1982 ließ der Amerikaner James Sherwood ihn wahr werden: Wie Spielzeug hingen die blank geputzten Wagen aneinander und ratterten auf den alten Strecken London–Paris–Venedig, dann Venedig–Rom und Paris–Istanbul im Licht eines nostalgischen Triumphes. Ein anachronistischer Luxusliner auf Rädern war geschaffen.

Paris, Gare de L’Est. Der Boulevard Strasbourg, der sich in schnurgerader Fortsetzung der Bahngleise vom Bahnhof weg in die Stadt erstreckt, ist heute fest in afrikanischer Hand. Die Gepäckträger kommen von der Elfenbeinküste. Auf dem Bahnsteig warten sie außerhalb des roten Läufers auf jene Koffer, Kleidersäcke und Hutschachteln, die ihnen vom Empfangstisch der Venice-Simplon-Orient-Express-Gesellschaft mit einem Fingerzeig freigegeben werden. Dem Passagier wollen sie nicht zu nahe kommen; erst wenn ein Page den Gast davonführt, greifen die Träger nach dem Gepäckstück. Der Page komplimentiert jedes Paar einzeln durch die Bahnhofshalle in die Lobby des alten Bahnhofshotels, wo zwischen Einchecken und Abfahrt ein Umtrunk wartet – in silbernen Eiskübeln.

Und dann steht er wirklich da, eingefahren auf Gleis fünf: Dieser Anblick beschleunigt den Herzschlag eines jeden, der hier nun einsteigen darf. Die 15 Waggons Eisenbahnlegende schlängelten sich so ruhig den Bahnsteig entlang, als sei Hoheit in erster Linie eine Sache des sicheren Geschmackes. Das tiefe Blau, verziert mit goldener Heraldik, kündet von der Unbeirrbarkeit royalen Luxus. Wie geduckte Wachtürme geben zu beiden Seiten die Loks mit dem Emblem der SNCF der schimmernden Wagenkette ihren Halt. Und vor jeder der Türen, die mit Palmen geschmückt sind, steht ein Steward und wartet auf die Insassen seiner sechs Abteile. Unter der Front der hochgeschobenen Holzfenster des Dining-Cars, aus denen munter die bemützten Köche winkten, haben sich die Spitzen des Service aufgebaut: der Zugmanager, der Restaurantmanager, der Oberkellner, der Obersteward, der Chef de Rang und der Kassierer. Kaum weiß man, wie man in den Zug gestiegen ist, vor lauter Schauen und Defilees, da setzt er sich schon in Bewegung, und winkend am Bahnhof zurück bleiben die eleganten Hostessen und der Page vom Hotel. Die Gepäckträger winken nicht.

1883, als der Orient-Express das Licht der Welt erblickte und vom Gare de Lyon ausfuhr, hielt es die zur Jungfernfahrt geladenen Reporter kaum bei ihrem Blatt Papier, so betörte sie der reiche Trubel. Es war die große Welt en miniature, die ihnen um die Ohren schwirrte. Ihr Zeichen waren der Chic und das imperiale Lebensgefühl von Paris. Draußen die Landschaft, eine Kulisse; im Inneren verglich man die Korridore vor den Abteilen mit der mondänen Flaniermeile Rue de la Paix.