Darf man ein Jahr nachdem die Nachrichtendienste vor die umwälzendsten Herausforderungen seit Ende des Kalten Krieges gestellt sind, ein Buch über den Bundesnachrichtendienst veröffentlichen, in dem ebenjene Zeitenwende, der 11. September, auf nur sechs Seiten erwähnt ist? Auf drei im Vorwort und drei im Nachwort und auch bloß zum Zwecke der wenig überraschenden Feststellung, dass die Geheimdienste gefordert seien, „die hoch diversifizierten Strukturen, über die sich der internationale Terrorismus organisiert und vor allem finanziert, aufzuklären“. Doch, man darf das. Lesen sollte das Buch allerdings nur, wer wissen will, wie es war, als noch nicht alles anders war. Dann stört es nicht weiter, dass das so plötzlich neu entstandene Feindbild al-Qaida die akribische Recherche von Peter F. Müller und Michael Mueller, die das Potenzial zum Sachbuchthriller gehabt hätte, reduziert auf eine lebendige Chronik des westdeutschen Nachrichtendienstes.

Die Autoren, das wird schnell deutlich, wollten ein anderes, ein fundiertes Porträt des Bundesnachrichtendienstes (BND) zeichnen. „Wenige Bücher“ gebe es über den deutschen Auslandsgeheimdienst, stellen Müller & Mueller eingangs fest. Dabei breiten sie über den Bestseller zum Thema, Udo Ulfkottes Verschlusssache BND, ein so lautes Schweigen, dass es wohl bedeuten soll: nicht ganz unser Niveau.

Alles begann mit der „Organisation Gehlen“

Tatsächlich präsentiert das Verfasserduo nicht viel Neues, wohl aber vieles mit neuer Sorgfalt. Wo immer möglich, nennen die Autoren ihre Quellen, was dem Leser angesichts der Mythenbildung rund ums Schlapphutgewerbe ein Mindestmaß an Vertrauen einflößt. Auf eindrucksvolle 1555 Referenzen schwillt der Anhang an, viele davon geschuldet dem Archiv des langjährigen Überwachers der Überwacher, Erich Schmidt-Eenboom. Aber nicht immer gelingt der Versuch, die Historie des geheimen Handwerks mit Präzision nachzuzeichnen.

Da verlieren sich die Autoren schon einmal in reportagehafter Schilderung, wo sie doch nur mutmaßen können. So, wenn sie von der Flucht des NS-Ostfrontaufklärers Reinhard Gehlen vor den Alliierten im April 1945 so hautnah berichten, als hätten sie den späteren Ziehvater des BND selbst über die österreichischen Berge geschleift: „Er ist wie erlöst, als nach endlos erscheinenden Stunden des Aufstiegs der Wald endlich aufhört und einer sanft ansteigenden Schneelandschaft Platz macht.“

Immer wieder an Biografien von früheren Akteuren anknüpfend, führt das Buch durch die Genealogie von Gründungsvätern und Nachkriegsgenerationen des BND: von den Anfängen der „Organisation Gehlen“ über die Gehversuche eines Parallelgeheimdienstes in Österreich, der die alliierte Oberaufsicht abschütteln wollte, die Zusammenarbeit des Dienstes mit dem Vatikan (dem laut Aussage des Publizisten Nino Lo Bello „effektivsten Spionageapparat der Welt“) bis hin zum Aufstieg des BND zu einem weltumspannenden Geheimdienstnetz unter der sozialliberalen Koalition und den unsauberen Waffengeschäften des Dienstes in der jüngsten Vergangenheit.

Wohltuend unaufgeregt behalten die Autoren den Grundtenor bei, dass in der Welt der Geheimdienste eigene Gesetze gälten. Etwa wenn sie ohne skandalisierende Attitüde schildern, wie sich der irakische Innenminister 1982 in Bayern mit knapp 200 Revolvern und Gewehren eindeckt und BND-Beamte die ungenehmigte Ausfuhr als „Geschenk für hohen ausländischen Staatsgast“ durchwinken.

Am Ende der manchmal allzu gründlichen, aber doch profunden Streifzüge durch die Schattenwelt der Spionage versteigen sich die Chronisten zu einer gewagten These: dass nach den Attentaten von New York und Washington „die Bedrohungsszenarien weitgehend die gleichen geblieben“ seien. Eine eigenwillige Interpretation der derzeitigen Umstrukturierung der Geheimdienste weltweit, die vor allem zwei Absichten vereint: der klassischen Aufklärung durch Agenten wieder den Vorzug vor der technischen Aufklärung (Antennen) einzuräumen und, noch wichtiger, die Informationen zwischen den Diensten auf der ganzen Welt in einem nie dagewesenen Maße miteinander zu vernetzen. Aber, wie gesagt, das Buch ist eine Bilanz des Gestern, kein Report des Heute.