Betrachtet man den Staatsmann und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, so stößt man unvermeidlich auf ein Paradox: Er ist (so ziemlich) der Größte – und doch war man mit ihm eigentlich nie so recht zufrieden. Das zeigt nun auch der Band 5 der Berliner Ausgabe, der auf zehn Bände angelegten Auswahl wichtiger Reden, Artikel und Briefe Willy Brandts, der die Jahre von 1972 bis 1992 umfasst. Der Band setzt ein mit dem überragenden – und, gemessen an den Umfragen des Sommers 1972, auch völlig überraschenden – zweiten Wahlsieg der sozial-liberalen Koalition und schließt mit Brandts letzter großer politisch-historischer Rede anlässlich des 100. Geburtstags von Julius Leber, die am 15. November 1991 gehalten wurde.

Eigenartig verklausulierter Kommunikationsstil

Diese Periode umfasst Höhepunkt und Niedergang, aber auch Niedergang und Weitergang der politischen Laufbahn Willy Brandts. Zu Beginn, Ende 1972, befindet sich die SPD auf dem Gipfel ihrer Geltung in der deutschen Politik: Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestagspräsidentin – drei der wichtigsten Staatsämter werden von Sozialdemokraten bekleidet. Am Ende der Zeitspanne, 1992, im geeinten Deutschland, hat die SPD nichts davon mehr in der Hand – im Gegenteil, im Wahlkampf des Jahres 1990 verspielt der Kanzlerkandidat Lafontaine die Chance, die Willy Brandt so deutlich vor Augen und so emotional ausgedrückt hatte: die SPD als Partei der Einheit.

Dieser Band zeigt nun, wie umstritten Willy Brandts Führung der Partei in den Führungskreisen selber stets gewesen war, ungeachtet der Tatsache, dass zunächst niemand zu sehen war, der ihn hätte ersetzen können – und dass seit seinem Rücktritt vom Parteivorsitz im Jahr 1987 noch niemand aufgetreten ist, der ihm gleichgekommen wäre. Schon bei der Neuverhandlung der sozial-liberalen Koalition „vergisst“ Herbert Wehner einen wichtigen Vermerk, den Brandt vom Krankenbett aus an die Koalitionsrunde gerichtet hatte. Und nun reihen sich die Episoden der Kritik und Herausforderung, teils durch Wehner, teils durch Helmut Schmidt, teils durch Lafontaine, teils innerhalb der Gremien, teils außerhalb, teils in den verschiedenen „Kreisen“ der Partei, die hart an die „Fraktionierung“ grenzen.

Vor diesem Hintergrund bietet der Band Dokumente unterschiedlichen Rangs, vor allem unterschiedlicher Gattung. Am eindrücklichsten wirken natürlich die Briefe der Hauptpersonen untereinander. Schon bei dem Brief, den Brandt am 23. Oktober 1973 an Wehner richtet, also nach dessen scharfen Moskauer „Ausfällen“, zeigt sich nun etwas Merkwürdiges – nämlich der eigenartig indirekte, fast verklausulierte Kommunikationsstil Brandts. Er hätte doch allen Grund gehabt, Wehner regelrecht die Leviten zu lesen. Stattdessen schreibt er, äußerst verhalten: „Aus meiner Sicht handelt es sich darum, ob der Konflikt ausgetragen werden muss, ob er sich noch beilegen lässt oder ob er wegen übergeordneter Interessen neutralisiert werden kann.“ Mangelnder Kampfeswille oder mühsame Selbstdisziplin im Dienste der Einheit der SPD? Oder beides?

Am 7. Januar 1975 schreibt Helmut Schmidt, seit etwas über einem halben Jahr Brandts Nachfolger als Kanzler, eine Art Neujahrsbrief, der, wiederum im Ton disziplinierter Korrektheit gehalten, im Grunde das Kontinuum seiner Kritik an Brandts Parteiführung formuliert: „Unsere Sache steht vielmehr auf Messers Schneide – mit der potentiellen Gefahr einer Desorientierung der zweiten deutschen Demokratie.“ Schmidt nennt als Hauptgrund (das Wort „Haupt“ unterstrichen!) „nach wie vor die zersplitterte, z. T. flagellantistische Selbstdarstellung auf vielen Ebenen, deren Abflauen ich nur erhoffe… nicht aber schon (wie Du) voraussehe“. Endlich Führung zeigen und ökonomische Vernunft wahren!

Ein letztes Beispiel: Willy Brandts Brief an den Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine vom 18. Mai 1990 nach Lafontaines Forderung, die Bundesfraktion solle der Vertrag über die Währungsunion mit der DDR ablehnen. Auch hier verblüfft die Konzessionsbereitschaft im Ton (verständlich vielleicht auch aus Rücksicht auf den von einem Attentat eben erst genesenen Adressaten), teilweise auch in der Sache, in die dann schließlich eine manifeste Drohung, ja geradezu ein Sprengsatz indirekt eingebettet wird, in einem Klammersatz zudem: „(Nicht, dass dies besonders wichtig wäre, aber mir selbst fiele es nicht leicht, an einer Sitzung des Bundestages teilnehmen zu müssen, in der ich den Vertrag rundweg ablehnen müsste.)“

Wer sucht, der findet also – zunächst spannende Dokumente, sodann in den Dokumenten, nahezu verborgen, eisige Dramen: Am eisigsten freilich bleibt Brandts Erklärung, mit der er am 23.März 1988 seinen Rücktritt vom Parteivorsitz begründet – nach der Aufregung um eine von ihm zunächst vorgeschlagene Pressesprecherin; inzwischen weiß man allerdings, dass dies ganz bestimmt ein Fehlgriff gewesen wäre. Die Dokumente sind überaus detailliert und sachkundig annotiert, erschlossen und eingeleitet durch Karsten Rudolph. Dennoch bleibt unaufhebbar ein zwiespältiger Eindruck: Trotz der Textmasse muss dies eine sehr punktuelle Auswahl bleiben, verlangt die Sache nach mehr. Der unbefangene Leser braucht eine Biografie Brandts daneben – denn eine Biografie ließe sich mit dieser Auswahl allein nicht schreiben.