Als Brian Josephson ungefähr sechzig war, beauftragte die Universität eine Malerin damit, den Professor in Öl zu porträtieren. Die Künstlerin, eine Freundin der Familie, kam ins Haus. Sie malte zwei Bilder. Das eine, vom Foto abgemalt, zeigt einen attraktiven Mann mit Hornbrille, schmalem Gesicht und schwarzen Locken: Brian Josephson, das Genie, kurz nachdem er den Physiknobelpreis bekam. Das zweite Bild stellt einen Mann mit ausgedünntem Haar, randloser Brille und grauen Koteletten dar: Brian Josephson, den Mystiker, der an Telepathie, Poltergeister und Ufos glaubt.

Der Mann mit den zwei Gesichtern führt auch zwei Leben. Das eine in seinem gelben Backsteinhäuschen im englischen Cambridge. Das andere in den Lehrbüchern der Physik. Dort wird der junge Nobelpreisträger als Entdecker des „Josephson-Effekts“ gefeiert. Im gelben Haus dagegen lebt ein Abtrünniger. Seit Jahren veröffentlicht Josephson nicht mehr in Fachzeitschriften. Stattdessen hält er Vorträge auf Esoterik-Kongressen und schreibt Leserbriefe über Psychokinese und übersinnliche Wahrnehmung. Für die Physiker ist er eine tragische Figur, für die Esoterik-Szene ein prominenter Glücksfall. Irgendwo zwischen heute und damals bekam seine Biografie einen Knick – auf der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn?

Von außen strahlt das Häuschen in der Gogh Street britische Gemütlichkeit aus. Auf dem Passat in der Einfahrt klebt ein Aufkleber gegen genmanipuliertes Essen. Eine Frau mit „Freiheit für Palästina“-Anstecker öffnet die Tür. Im Flur trocknen Wanderschuhe, auf der Fensterbank im Wohnzimmer betet ein Holz-Buddha neben einem Buch von Uri Geller. Der Nobelpreisträger kauert in einem roten Sessel. Er trägt eine Tweedjacke und sieht ein bisschen aus wie Woody Allen. It’s tea time.

Bewusstsein ist interessanter als Physik

Als 22-jähriger Doktorand schrieb Brian Josephson einen zweiseitigen Fachartikel für Physics Letters. Darin versuchte er zu erklären, wie Strom zwischen zwei Supraleitern, Materialien ohne Widerstand, hin und her fließt. „Ich habe nie verstanden, was er sagen wollte“, erinnerte sich sein Doktorvater viele Jahre später. Im Jahr 1973, Physiker hatten den Josephson-Effekt längst im Experiment nachgewiesen, bekam er im Alter von 34 Jahren den Nobelpreis für Physik. Heute verwendet man Josephson-Bauteile zu Tausenden in der Medizin, um die winzigen Magnetfelder der Hirn- und Herzströme zu messen.

Aber davon erzählt Brian Josephson wie ein gequälter Barkeeper, der um drei Uhr morgens den letzten Gast vergraulen will. Schon mit 25 Jahren – da forschte er als Gastprofessor in den USA – las er lieber Bücher über Parapsychologie und Bewusstsein als über Festkörperphysik. „Die Physik hat mich nicht mehr interessiert“, sagt er, und als er den Nobelpreis bekam, hatte er den Mainstream längst verlassen. Die Gründe deutet er nur an: Halluzinationen, Übermüdung, Konzentrationsschwäche und starke Beruhigungsmittel. Tägliches Meditieren habe ihm „so etwas wie einen inneren Frieden“ zurückgegeben, ebenso seine Heirat 1976. Mit seiner Frau Carol hat er eine Tochter, die Tierärztin werden will.

Josephson will nicht über Supraleiter reden, sondern über Geist, Sprache, Bewusstsein: „Ich hoffe, dass ich nun endlich zeigen kann, wie das Gehirn funktioniert und wie Sprache und all das zustande kommen.“ Er springt auf und läuft zum Computer, druckt eine halbe Seite Text aus. „Das wird jene Kritiker verstummen lassen, die mir vorwerfen, ich hätte nichts Nützliches mehr hervorgebracht.“ Noch vor seinem anstehenden Urlaub will er seine Theorie zur Veröffentlichung einreichen. Wahrscheinlich bei Nature, sagt er. So kurz wie sein Nobelpreis-Artikel soll das Paper sein, und vor allem: noch viel wichtiger.

In der Küche klingelt ein Küchenwecker. „Meine Frau kocht Brokkoli immer ohne Deckel, damit die Lebensgeister entweichen“, murmelt Josephson, „aber das ist ziemlich unwissenschaftlich.“ Mitunter ist nicht ganz klar, ob er nun selbst an unerklärliche Phänomene glaubt oder nicht. „Manchmal bin ich in einem Zustand, in dem besondere Dinge passieren können“, sagt er und erzählt, wie er einmal an einem Versuch teilgenommen hat, bei dem die Probanden vor einer Kiste mit Lämpchen und Zufallsgenerator saßen. In Gedanken sollte man vorhersehen, welche Lampe als nächste aufleuchten würde. Er tippte etwas häufiger richtig, als statistisch zu erwarten war.