Am 21. April feierten die Römer den Jahrestag der Gründung ihrer Stadt, aber in welches Jahr dieses Ereignis fiel, wussten sie so wenig wie wir.“ Mit diesem ersten Satz seiner Geschichte der römischen Republik gibt Klaus Bringmann eines der Leitmotive seiner Darstellung vor: eine gesunde Skepsis gegenüber allen Versuchen römischer Geschichtsschreiber wie moderner Historiker, Nichtwissen mit historischen Konstrukten oder Modellen zu kaschieren.

Stattdessen wird gerade im ersten Kapitel Roms Aufstieg zur führenden Macht Italiens ebenso vorsichtig wie überzeugend behandelt. Er verdankt sich nach Aufassung des Autors dem nahezu unerschöpflichen Potenzial an Menschen, sodass die Stadt nicht auf Söldner angewiesen war, und der klugen Ausgestaltung der militärischen Erfolge. Das System der römischen Bundesgenossenschaft brachte Frieden, verzichtete auf Steuern und demonstrierte eine hohe Bereitschaft, die Eigenheiten der Unterworfenen zu beachten.

Am zweiten Kapitel Rom und die Mittelmeerwelt schildert der Autor die legendär gewordenen Kriege gegen den König Pyrrhus und jene gegen die Karthager als Stationen auf dem Weg zur Weltmacht. Nach solch längeren erzählenden Partien lädt er zum Innehalten ein, um grundsätzliche Probleme anzusprechen, etwa die Frage, was die Römer in all diesen Kriegen antrieb. War es Beutegier oder Ruhmsucht der Aristokratie? Bringmann sieht die Absicherung der römischen Herrschaft als treibendes Motiv. Wenn er die Übergriffe Roms nach Nordafrika und Griechenland mit dem festen Willen des Senats begründet, sich fremdem Willen niemals zu unterwerfen und dies als seine „zweite Natur“ bezeichnet, dann lässt sich das gewiss auch auf manches senatorische Individuum übertragen, womit zum dritten und umfangreichsten Kapitel übergeleitet wird: Die Krise der Republik und ihre Ursachen.

Die Veränderungen, die Rom eine Weltmacht werden ließen, schufen Bedingungen, denen die politische Ordnung nicht mehr gewachsen war. Sie zerbrach an einem „unbewältigten Reformstau“, womit Bringmann einen Begriff unmittelbarer heutiger Zeiterfahrung auf die römische Republik überträgt. Eine der Folgen dieser Veränderungen war eine Entwicklung der Geldwirtschaft in bislang nicht dagewesenen Dimensionen. Wenn der Autor schreibt, dass die Nobilität einen Kampf um die Begrenzung der negativen moralischen und politischen Folgen der Geldwirtschaft führte und scheiterte, so möchte ich leicht korrigieren: die Mehrheit der Nobilität. Peter Hacks dichtete einmal: „Ach! die Republik, der Staat der Meisten, / ist, bei aller Tugend, hochgebrechlich. / Dauernd kommen welche, die was leisten / und daraus ein Vorrecht ziehn.“

Diejenigen, die weniger leisteten, neigten immer stärker dazu, die Erfolgreichen zu behindern. Dies galt vor allem bei allen Versuchen, die Probleme der Heeres- und Agrarverfassung zu lösen. Die Liste der Problemlöser ist lang: Tiberius Gracchus, Gaius Gracchus, Marius, Livius Drusus, Cinna und Sulla. Auch der Letztere scheiterte, weil er den Konsens der regierenden Klasse – wenn es ihn denn je gegeben hatte – nicht wieder hatte herstellen können. Blieb er aber aus, dann offenbarte sich, dass das politische System der Republik die beste Handhabe bot, sein Funktionieren bei Konflikten über Sach- und Machtfragen zu sistieren, um statt Ausgleich und Kompromiss die gewaltsame Auseinandersetzung zu suchen.

Das Kapitel Der Untergang der Republik behandelt den märchenhaften Aufstieg des Pompeius, dessen militärische Erfolge gegen Sertorius in Spanien, gegen die revoltierenden Sklaven und die Seeräuber ihn mit Machtmitteln ausstatteten, die es ihm, der auf den Spuren Alexanders des Großen zu wandeln glaubte, schwer machten, sich in das Gefüge der Nobilität einzupassen. Der mit ihm verbündete Caesar war dazu noch weniger bereit und besaß darüber hinaus jene Skrupellosigkeit, die Pompeius noch abgegangen war. Als Caesar sich daranmachte, seine Standesgenossen davon zu überzeugen, seinen Vorrang auf Dauer anzuerkennen, um die Möglichkeiten der Obstruktion, denen die Verfassung der Republik so weiten Spielraum einräumte, zu beseitigen, wurde er ermordet.

Mit dem kurzen Schlusskapitel über Augustus, Überwinder und Vollender der Republik endet die beeindruckende Darstellung: Das zentrale Problem der Republik in ihrem letzten Jahrhundert war, eine für ein solches Großreich adäquate Heeresverfassung zu schaffen. Die entscheidende Voraussetzung für eine Lösung dieses Problems waren nach Bringmann die Beseitigung aller rivalisierenden Heerführer und die faktische Monopolisierung des Heereskommandos. Oder, um nochmals Hacks zu zitieren: „Tatsächlich / ist die Furcht, daß Könige entständen, / nur in Monarchien abzuwenden.“