Auch wenn diese Art der Betrachtung etwas aus der Mode gekommen ist: Wenigstens nach traditionellen historiografischen Maßstäben war Winston Spencer Churchill ein großer Mann. „Größe“ im historischen und politischen Sinn gründet wohl nicht zuletzt darauf, dass, wie Churchills Landsmann Thomas Carlyle erkannt hat, der, dem sie zu Lebzeiten oder post mortem zuerkannt wird, über die charismatische Fähigkeit verfügen muss, Individuen und Gruppen in seinem Bild zu einen. Der „große Mann“ ist somit eine mythische Gestalt insofern, als in seinem Namen eine gemeinschaftsbildende Kraft virulent wird. Während die Freudsche Massenpsychologie darin im Wesentlichen einen negativen, weil regressiven Zug ausmacht, sieht der Historiker Carlyle in der Verehrung des einen durch die vielen den verbürgten historischen Orientierungszusammenhang.

Größe bedarf freilich auch der Gelegenheit, als solche in Erscheinung zu treten. „Politische Größe“, notiert Alexander Demandt in seinen geschichtsphilosophischen Essays, „bleibt an den Moment gebunden, die große Chance erwächst aus der Krise.“ Größe erweist sich also darin, dass der Große den Kairos, den einzigen und rechten Augenblick, erfasst und ihn durch entschlossenes Handeln nutzt.

Beide Bedingungen von Größe treffen in hohem Maße auf den Churchill des Jahres 1940 zu. In jenen fünf Tagen in London im Mai 1940, die John Lukacs in einem packenden Buch verdichtet hat (ZEIT Nr. 51/00), münzte der frisch installierte Kriegspremier Churchill den dramatischen Bankrott des Chamberlain-Kabinetts angesichts der von Hitler heraufbeschworenen Frankreich-Krise in einen unerschütterlichen Durchhaltewillen um, an dem Hitlers Kriegsmaschine am Ende zerbrach. Feldmarschall von Rundstedt bezeichnete nach dem Krieg die Luftschlacht um England als den Beginn der deutschen Niederlage. Im britischen Kollektivgedächtnis avancierten die Monate des Sommers und Herbsts 1940 zu Englands (und zugleich Churchills) finest hour.

Churchills Kriegsreden, die Klaus Körner in einer Auswahl neu zugänglich gemacht hat, dokumentieren beides: seine Entschlossenheit, dem deutschen Diktator hier und jetzt auf Gedeih und Verderb zu widerstehen, und seine bedingungslose politische Verantwortung sowohl gegenüber den großen nationalen Institutionen, gegenüber Parlament und Monarchie, als auch gegenüber der englischen Bevölkerung: „Der Preis der Größe heißt Verantwortung.“ In dieser unzweideutigen Verantwortungsbereitschaft, die ihr mögliches Scheitern mitbedenkt, liegt das Geheimnis von Charisma und Größe Churchills. Die zuweilen pathetischen Reden des Kriegspremiers, in denen er auch noch nach dem Sieg von El-Alamein nichts als „Blut, Tränen, harte Arbeit und Schweiß“ versprach, schufen die emotionale Grundlage dafür, dass er im Massenbewusstsein nicht nur zum unumstrittenen Kriegsherrn aufrückte, sondern zum Einheit stiftenden Großsubjekt schlechthin.

Churchills Reden in Zeiten des Krieges vermitteln gerade heute einen vorzüglichen Eindruck davon, welcher politischen und moralischen Tugenden die Demokratie bedarf, wenn sie in den Krieg zieht. Man fragt sich, ob die neuen Kriegsherren des Westens, heißen sie Bush oder Blair, dieser Tugenden noch eingedenk sind.