Am 27. August 1987 meldeten die deutschen Medien in Ost und West eine Sensation: Frieden zwischen Feuer und Wasser. SED und SPD publizierten ein gemeinsames Manifest, Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit – fünf Druckseiten, die als „SPD-SED-Papier“ in die deutsch-deutsche Geschichte eingegangen sind. Erstmals hatten DDR-Staatspartei und BRD-Sozialdemokratie Dissens und Konsens formuliert, vor allem aber sich wechselseitig Existenzrecht zugesprochen. „Wir (…) stimmen darin überein, dass Friede in unserer Zeit nicht mehr gegeneinander errüstet, sondern nur noch miteinander vereinbart und organisiert werden kann.“ Auf Destabilisierung und Verleumdung wolle man verzichten, vielmehr im friedlichen Wettbewerb die jeweiligen Systemvorzüge konkurrieren lassen.

Der Kernsatz des Textes lautete: „Beide Systeme müssen sich für friedensfähig halten.“ Diese Einsicht sei der Weltlage geschuldet. „Der Krieg darf im Nuklearzeitalter kein Mittel der Politik sein. (…) Friedenssicherung ist zur Grundvoraussetzung aller verantwortbaren Politik geworden.“ Was SPD-Grundwertekommission und SED-Akademie für Gesellschaftswissenschaften ausgehandelt hatten, schlug ein wie eine Bombe ins Waffenarsenal. Die Feindbild-Agitatoren von CDU und NVA beklagten die Preisgabe Leninscher Prinzipien respektive des abendländischen Freiheitsbegriffs, die Entspannungsoptimisten begrüßten richtige Schritte. Der Schriftsteller Rolf Schneider hatte gar „die Magna Charta einer möglichen Perestrojka für die DDR“ gelesen. Erhard Eppler, der Initiator des Papiers, wusste dabei immer, was dann dessen Wirkungsgeschichte erwies: Das repressive SED-Regime hatte von diesem Text weitaus mehr zu befürchten als der Westen und die SPD. Den kritischen Geistern der DDR lieferte das Papier, im Neuen Deutschland abgedruckt und somit sakrosankt, eine vorzügliche Berufungsgrundlage.

Jetzt sind zum Thema zwei Bücher erschienen, die sich erfreulich ergänzen. Der Autor des ersten, Rolf Reißig, nahm an vier der sieben SPD-SED-Gespräche teil. Sein Dialog durch die Mauer zerstreut alsbald die Sorge, der (SED-)Akteur komme dem Historiker in die Quere. Reißig rekonstruiert besonders die Resonanzräume des Papiers, das in DDR-Kirchenkreisen geradezu eingeatmet wurde; die SED-Führung hätte seinen Geist gern wieder in der Flasche verkorkt. Der Veröffentlichung folgten mit Honeckers Staatsbesuch in Bonn und dem Olof-Palme-Friedensmarsch noch weitere Tauwetterzeichen, doch ab November 1987 überzog der Frost der Ideologen neuerlich die DDR, bis sie verdientermaßen zusammenbrach. Ausladend referiert der Glasnostiker Reißig die Erosion der SED-Macht. Ruhig verteidigt er die SPD-Partner gegen den ahistorischen Vorwurf, sie hätten mit dem Papier eine Diktatur legitimiert, die sonst viel eher abgestorben wäre. Das Gebot der 87er Stunde war mähliche Liberalisierung des Ostens bei europäischer Stabilität. Und: „In dem Maße, wie die SED die Dialog- und Reformpolitik abblockte, wirkte das Streitpapier delegitimierend auf sie zurück.“

Anders als Reißig versteht sich der zweite Autor als Zeitzeuge. Erich Hahn, auf DDR-parteilicher Seite an allen SED-SPD-Gesprächen beteiligt, skizziert anhand seiner Mitschriften und sonstiger Notate sämtliche sieben Seminare zwischen Februar 1984 und April 1989. Die Grundsatzdebatten über Menschenrechte, Fortschrittsglauben und das Wesen von Geschichte lesen sich so sperrig wie interessant. Anhand von Egon Krenz’ Politbürokladde dokumentiert Hahn, dass Honecker und die Seinen das Dialogpapier zunächst durchaus begrüßten, weil sie glaubten, es kräftige die außenpolitische Reputation ihres Regimes. Nicht anwesend bei der betreffenden Sitzung war Chefideologe Kurt Hager, der es alsbald, via Neues Deutschland , unternahm, die Zahnpasta wieder in die Tube zu befehlen. Friedensfähigkeit des Westens etwa bedeute, dass der Imperialismus zum Frieden genötigt werden müsse. Hatte Hager Recht? 15 Jahre später, umklirrt vom Waffenrasseln der Pax Americana, liest man das SPD-SED-Papier wie ein aktuelles Manifest zur Verteidigung der multilateralen Welt.

π Rolf Reißig: Dialog durch die Mauer

Die umstrittene Annäherung von SPD und SED; Campus Verlag, Frankfurt/New York 2002; 449 S., 29,90 ¤