Der amerikanische Sonderweg hat bereits Heerscharen von Soziologen beschäftigt. Seit Werner Sombart 1906 die bange Frage stellte, warum es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus gebe, klafft zwischen Europa und den USA ein Abgrund an Erkenntnis. Andrei S. Markovits und Steven L. Hellerman aktualisieren das jetzt: Überall sonst gilt Fußball unangefochten als Sportart Nummer eins, die Einschaltquoten bei Weltmeisterschaften erreichen bis in die entlegensten Winkel schwindelerregende Höhen – nur in Nordamerika diskutiert man unverdrossen weiter über Homeruns und Quarterbacks. Die Sportarten, über die sich die Stammkundschaft auf den Barhockern ereifert, heißen Baseball oder American Football, Leibesübungen, die in anderen Breiten eher irritiertes Kopfschütteln auslösen: Die USA gegen den Rest der Welt.

Andrei S. Markovits bringt alle Voraussetzungen mit, hier zu vermitteln. Bevor er 1960 von Rumänien mit seinen Eltern in die USA übersiedelte, nahm ihn sein Vater immer zu Fußballspielen mit – er war Anhänger von MTV Budapest und Austria Wien, jüdisch geprägten Mannschaften des alten Mitteleuropa. Beim Fußball, so Markovits, sei er seinem Vater am nähesten gewesen. Doch mit derselben Verve, mit der er sich für den Fußball ins Zeug legt, beschreibt er, wie nur 48 Stunden nach dem WM-Eröffnungsspiel 2002 die Los Angeles Lakers „in einem der wohl dramatischsten Play-offs der Geschichte der NBA“ ihre „hartnäckigen Rivalen aus Nordkalifornien, die Sacramento Kings“, besiegten. Und wie es auch in den Play-offs des Stanley-Cups der NHL zu einem raren 7. Spiel im Semifinale kam, „noch dazu zwischen den Detroit Red Wings und den Colorado Avalanche, zwei äußerst verfeindeten Rivalen“. Dass es sich im einen Fall um Basketball und im anderen um Eishockey handelt, erwähnt Markovits gar nicht erst ausdrücklich – und macht dadurch die Voraussetzungen klar, mit denen es der Diskurs über Fußball hier zu tun hat.

Im Abseits wird zu großen Teilen von empirischen Daten getragen. Die Autoren stellen fest, dass der „Sportraum“ der USA von den „großen Dreieinhalb“ beherrscht wird: Baseball, American Football, Basketball und auch, obwohl es sich vor allem um regionale Schwerpunkte handelt, Eishockey. Dieser Sportraum wurde in der Zeit der entfesselten Industrialisierung definiert, zwischen 1870 und 1930. Dass der Fußball damals „hinausgedrängt“ wurde, macht seine Rolle heute so prekär: Denn der Sportraum ist auch ein Kulturraum, der von Geschichte lebt, von Daten und Mythen, auf die man sich beruft, von Vergleichen, die Assoziationen freisetzen. Als Pelé, der beste Fußballer aller Zeiten, Mitte der siebziger bei Cosmos New York spielte, wurde er in den US-Medien als „Babe Ruth des Fußballs“ bezeichnet – nach einem Baseballspieler aus den zwanziger Jahren, der jahrzehntelang den Rekord von 60 Homeruns in einer Saison hielt.

Baseball setzte sich früh als der „nationale Zeitvertreib“ der USA durch. Es entwickelte sich in Absetzung vom britischen Kricket; eine egalitäre Wettkampfmoral verdrängte das aristokratische Sportmilieu. Die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts, die in Europa zusehends im Zeichen von Klassengegensätzen stand, war in den USA von einer spezifischen Bürgerlichkeit geprägt, der Betonung des Individuellen. Und was an den Universitäten als Sport betrieben wurde, wandelte sich durch die Aufnahme von Arbeiterschaft und Mittelschicht zur Massenkultur.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hier etwas, das „Football“ genannt und überall anders gespielt wurde. Es gab einen Richtungsstreit darüber, ob nun der Ball auch mit den Händen aufgenommen, geworfen oder getragen werden durfte oder nicht. Die älteste und renommierteste Hochschule aber, Harvard, lehnte das „Tretspiel“, ausschließlich mit den Füßen, rigoros ab und setzte sich schließlich gegen die anderen Colleges durch. Um 1900 hatte sich ein Spiel etabliert, das „American Football“ hieß, und unbemerkt kümmerte daneben etwas dahin, was als Spiel der Ausländer galt und sich tapfer „Football“ zu nennen versuchte – nach dem Zweiten Weltkrieg fügte man sich endlich und sagte kleinlaut „Soccer“ dazu. Dabei gab es durchaus Spieler in den USA, die das Zeug dazu gehabt hätten, in dieser Sportart Große zu werden – Markovits weint einem gewissen William „Billy“ Gonsalves aus Fall River in Massachussetts mehrere Tränen nach, „dem Babe Ruth des amerikanischen Fußballs“.

Die Sportkultur in den USA, die von Baseball, American Football und der Campus-Erfindung für den Winter, Basketball, definiert wird, unterscheidet sich von der Kultur des Fußballs in einem grundlegend: Es geht um einen eindeutigen Nachweis der Leistung, um Messbarkeit, um so viele Punkte und Treffer wie möglich. Baseball, American Football und Basketball sind statistisch genau zu erfassende Sportarten: So werden Helden geboren. Fußball wirkt dagegen eher vage, es fallen wenige Tore, und es geht um etwas, was die Autoren mit einem Terminus belegen, der sich auch der Soziologie zu entziehen scheint: „Spielgefühl“. Im Gegensatz zu den als „männlich“ empfundenen Leitsportarten hat Fußball etwas „Verweichlichtes“ und wird als langweilig wahrgenommen.

Es ist kein Zufall, dass sich in der Umgangssprache der Ausdruck soccer mom durchgesetzt hat. Fußball wird in letzter Zeit verstärkt von Schülern und Jugendlichen aus der weißen Mittel- und Oberschicht gespielt, Kindern von „Fußball-Yuppies“ in den Großstädten, und die Mütter fahren sie zielsicher zu den gepflegten, hermetisch gesicherten Rasenanlagen. Die Autoren sehen darin eine Chance. An den Colleges wird Fußball als Freizeitaktivität von Amateuren goutiert, und im Frauenfußball sind die USA bereits zweimal Weltmeister geworden. Das Bild des Fußballs in der hegemonialen männlichen Mittelschicht hat sich dadurch aber noch verfestigt. Die Autoren zitieren einen Witz von Jay Leno, dem Harald Schmidt der amerikanischen Late-Night-Show: „Eines der Spice Girls ist soeben schwanger geworden. Wir nehmen mal an, dass ihr Freund, der englische Fußballspieler, irgendetwas damit zu tun hat. Obwohl ich ein paar Zweifel habe, denn wir wissen ja, wie selten Fußballspieler mal einen Treffer landen.“