Die Zeiten, in denen die „alte Bundesrepublik“ entweder als immer schon musterdemokratisches Gemeinwesen glorifiziert oder unter allgemeinen Restaurationsverdacht gestellt wurde, sind längst vorbei. Die Geschichtsschreibung der Bonner Republik ist in Bewegung geraten, die Forschung wird zunehmend intensiver. Immer neue Aspekte werden aus dem Dunkel der politischen Kolportage in das Licht eingehender Analysen getaucht, immer besser verstehen wir den Weg von der semiautoritären Ära Adenauer zur Gesellschaft westlichen Zuschnitts, die mit Adjektiven wie „zivil“ oder „liberal“ belegt wird.

Ulrich Herbert hat daran mit seinen Arbeiten einen gewichtigen Anteil. Als Experte für das „Dritte Reich“ macht er die tiefe Verankerung des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft zum Ausgangspunkt auch der Betrachtung der Nachkriegszeit. Das Fortwirken „schwerstbelasteter Funktionäre“ sei erheblich stärker gewesen, als gemeinhin angenommen. Ebendiese Erkenntnis ermögliche erst eine angemessene Bewertung der rasanten Veränderungen, die dazu führten, dass die Bundesrepublik der siebziger Jahre so unendlich weit entfernt von ihren Anfängen schien. Und ebendeshalb bedeute die Betonung der nationalsozialistischen Belastungen, ja sogar existenziellen Gefährdungen der zweiten deutschen Demokratie das Gegenteil einer gehässigen Delegitimierung.

Der von Ulrich Herbert unter dem ebenso nüchtern wie allgemein daherkommenden Titel Wandlungsprozesse in Westdeutschland herausgegebene Band präsentiert Zwischenergebnisse eines guten Dutzends von Projekten, die derzeit von den Mitarbeitern seiner Freiburger Forschergruppe bearbeitet werden. Die durchweg soliden Beiträge beziehen sich auf intellektuelle Strategien, kollektivbiografische Wege, Veränderungen der politischen Kultur und der Einstellung der Bevölkerung und professionellen Eliten gegenüber Normverstößen und abweichendem Verhalten. Gemeinsam ist ihnen die Aufmerksamkeit für den genauen Verlauf solcher Veränderungen, deren erste Durchbrüche meist im Laufe der sechziger Jahre offenkundig wurden, aber auch für die manifeste Abwehr jeglicher Liberalisierung der politischen Kultur seitens politisch einflussreicher Kräfte.

So unterstreicht ein Beitrag zur Resozialisierung der NS-Kriminalisten (Patrick Wagner) auf bedrückende Weise die braune Belastung der frühen Bundesrepublik. Mit großer Zähigkeit verbreiteten die leitenden Kripobeamten des „Dritten Reiches“, die in großer Zahl sehr rasch wieder als Experten Verwendung fanden, die Legende von der – im Gegensatz zur Gestapo – „sauberen“ Kriminalpolizei. Und zugleich arbeiteten sie zunächst weiter an den Konzepten zur „Vorbeugehaft“, die im „Dritten Reich“ Zehntausende „Gewohnheitsverbrecher“ in die Konzentrationslager geführt hatten. Auch hier markierten die frühen sechziger Jahre einen Einschnitt, als sich in der Öffentlichkeit erstmals breiteres Interesse auch für die NS-Biografien der juristischen und polizeilichen Helfer der Nacht- und Nebelaktion gegen den Spiegel artikulierte.

Strategien der „Abwehr und Legitimation“ stehen im Zentrum von Aufsätzen über die Kollektivschulddebatte, über „Lesarten des Judenmords“ und über die auf den Widerstand gegen Hitler bezogenen öffentlichen Deutungskämpfe. Bei diesen Themen kann man vom Versuch einer zweiten Historisierung sprechen, liegen doch dazu jeweils bereits ältere Studien vor. Nicolaus Berg kritisiert in großer Schärfe die Abwehr des „amerikanischen“ Blicks auf den Holocaust durch die meisten älteren deutschen Historiker; hier wird allerdings in einer Fußnote ebenso beiläufig wie ungerecht auch Hans Mommsen genannt. Im Übrigen wäre hinzuzufügen, dass es sich bei Reitlinger (in England) oder Hilberg um Exilantenkinder handelte und Letzterer für sein Werk The Destruction of the European Jews auch in den USA lange keinen Verleger fand.

Den „politischen Umorientierungsprozessen“ gelten zwei Fallstudien. Das in den sechziger Jahren allgegenwärtige Postulat der „Demokratisierung“, verstanden als Ausweitung der Demokratie von der staatlichen auf die Sphäre der Gesellschaft, untersucht Moritz Scheibe in einem kundigen Beitrag. Stellungnahmen sehr unterschiedlicher Protagonisten von Ralf Dahrendorf bis zu den Kritikern „totalitärer Demokratie“ wie Wilhelm Hennis machen die Umschlagpunkte der Debatte um 1970 kenntlich.

Christina von Hodenberg thematisiert die personellen Kontinuitäten der schreibenden Zunft nach 1945 und skizziert den Weg bis zum „Aufbruch zur kritischen Öffentlichkeit“. Sie betont – im Einklang mit bereits vorliegenden Arbeiten – die große Bedeutung der generationellen Wachablösung unter den Journalisten und der Möglichkeiten im neuen Bildschirmmedium.