Im Sommer 1915 errangen die deutschen Truppen unter dem Feldherrengespann Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff an der Ostfront ihren größten Sieg. Innerhalb weniger Monate wurden die russischen Armeen über 400 Kilometer zurückgeworfen. Ende September 1915, als die Offensive abgebrochen wurde, befanden sich Kongresspolen sowie große Teile des Baltikums in der Hand der Mittelmächte. Litauen und Kurland wurden als „Land des Oberbefehlshabers Ost“ – kurz Ober Ost – direkt unter deutsche Militärverwaltung gestellt. Hier erhielt Ludendorff, der starke Mann der Militärführung im Osten (seit August 1916 neben Hindenburg Chef der Obersten Heeresleitung), die einmalige Gelegenheit, eine Utopie zu verwirklichen: nämlich ein besetztes Territorium ganz nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen.

Dieses wenig bekannte Kapitel in der Geschichte des Ersten Weltkrieges hat der an der University of Tennessee lehrende Historiker Vejas Gabriel Liulevicius zum Gegenstand einer großen Untersuchung gemacht. Gestützt auf einen reichen Fundus von Quellen aus deutschen und litauischen Archiven, beschreibt er die Praxis der deutschen Militärverwaltung in den Jahren 1915 bis 1918. Er schildert die Konflikte, die sich zwischen den Besatzern und der einheimischen Bevölkerung entwickelten, und er fragt danach, welches „Bild vom Osten“ sich in den Köpfen der deutschen Soldaten festsetzte und welche Wirkung es hinterließ.

Im Verlauf des Krieges dienten zwei bis drei Millionen deutsche Soldaten an der Ostfront. Für viele war es die Begegnung mit einer fremden Welt. Mehr noch als unter der Weite des Landes und den Unbilden der Witterung litten sie unter den scheinbar allgegenwärtigen kleinen Plagegeistern, den Läusen, die, wie der Autor anmerkt, in den Augen der Besatzer zum „Markenzeichen des Ostens“ wurden. Hinzu kam das verwirrende Gemisch aus verschiedenen ethnischen Gruppen – Litauern, Letten, Esten, Weißrussen, Ostjuden –, das so gar nicht dem Klischee vom monolithischen zaristischen Großreich entsprach. Aus den ersten Eindrücken formte sich der Wille, Ordnung in diesem Chaos zu schaffen. Die deutschen Militärs machten sich mit der Überzeugung ans Werk, eine „kulturelle Mission“ zu vollbringen. Im Militärstaat Ober Ost sollten Land und Leute nach deutschem Bilde umgeformt und der Weg für eine dauerhafte Herrschaft geebnet werden.

In der ersten Phase der Besetzung ging es darum, ein engmaschiges System der Kontrolle zu errichten. Das Territorium mit seinen drei Millionen Einwohnern wurde in sechs Verwaltungsbezirke gegliedert; die Grenzziehung erfolgte willkürlich, ohne Rücksicht auf die Gegebenheiten des Landes. Zugleich wurde die Infrastruktur – Eisenbahnlinien, Straßennetz sowie Post- und Telegrafenverbindungen – wiederhergestellt beziehungsweise deutschen Standards angepasst. Militärische Sicherheitsinteressen verbanden sich hier mit der Absicht, die Ressourcen des Landes für die deutsche Wirtschaft verfügbar zu machen. Dem diente auch die statistische Erfassung der Bevölkerung. Nichts durfte nach dem Willen der Militärs ungeregelt bleiben; eine Flut von Verordnungen überschwemmte das Land. Überdies mühten sich Reinigungskommandos und Entlausungsstationen darum, deutsche Vorstellungen von Sauberkeit durchzusetzen. Einheimische, die unter Aufsicht Straßen und Plätze säubern mussten – das war in den Worten des Autors der „archetypische Akt“ deutscher Militärherrschaft im Osten.

Die unterworfene Bevölkerung sollte freilich nicht nur kontrolliert und zur Reinlichkeit erzogen, ihr sollte auch eine neue Gesinnung eingepflanzt werden. Zu diesem Zwecke entwarf die Besatzungsmacht ein umfassendes „Kulturprogramm“. Dabei versicherte sie sich der Mitarbeit von Schriftstellern wie Richard Dehmel oder Arnold Zweig und auch junger Wissenschaftler wie Victor Klemperer. Die Zeitungen wurden ganz auf die Bedürfnisse der Militäradministration zugeschnitten; ein „Buchprüfungsamt“ wachte über den Literaturkanon. In den Theatern avancierte Friedrich Schillers Wallensteins Lager zum meistgespielten Stück. „Jetzt bietet sich eine einzigartig dastehende Gelegenheit, Fremdvölkern zu zeigen, was das Wesen deutscher Kunst ist“, hieß es in der offiziellen Darstellung Das Land Ober Ost aus dem Jahr 1917.

Auch das Schulsystem wurde von Grund auf neu organisiert. Deutsch war Pflichtfach von der ersten Klasse an. Der Betrieb höherer Bildungseinrichtungen wurde stark eingeschränkt. Denn eine einheimische Intelligenz wurde nach Ansicht der Besatzer nicht gebraucht.

Militärs und Beamte führten sich im Lande Ober Ost wie Kolonialherren auf, die glaubten, „primitive“ Völker mit den Segnungen deutscher Arbeit und Kultur beglücken zu können – und ihnen doch durch Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, durch willkürliche Requisitionen und demütigende Rituale wie die Grußpflicht gegenüber deutschen Offizieren das Leben immer beschwerlicher machten. „Die russische Knute tat manchmal weh, die preußische Fuchtel immerfort“ lautete eine wiederkehrende Klage.

Je länger die Besatzung dauerte, desto mehr wuchsen Erbitterung und Hass. Die deutsche Militärverwaltung erreichte das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt hatte: Statt die Grundlagen zu legen für eine dauerhafte Beherrschung der eroberten Gebiete, förderte sie die nationalen Bestrebungen der unterjochten Völker. Nach der Russischen Februarrevolution 1917 wurde der Ruf nach Selbstbestimmung immer lauter. Längst bevor die deutsche Oberste Heeresleitung Ende September 1918 die militärische Niederlage eingestehen musste, war Ludendorffs ehrgeiziges Projekt gescheitert.