Die Ritter widmen sich der Jagd, dem Fischfang, dem Turnier und Lanzenspiel sowie Liebesabenteuern“, schrieb ein elsässischer Chronist im 13. Jahrhundert. Was sie tatsächlich – oder sonst noch – taten, sucht uns der Göttinger Mediävist Josef Fleckenstein in seiner jüngsten Veröffentlichung zu diesem Thema nahe zu bringen.

Kaum ein Bereich der Geschichte hat ein solch populäres, durch Abenteuerromane und Jugendliteratur vermitteltes Interesse gefunden wie das Leben und die Taten der mittelalterlichen Ritter. Kaum ein anderer aber fordert, will man das gesamte Problemspektrum erfassen, einen dezidiert die Fächergrenzen übergreifenden, transdisziplinären, letztlich kulturwissenschaftlichen Zugriff: Als sozialer Stand zwar Gegenstandsbereich der tradionellen Geschichtswissenschaft, ist das Rittertum als Kulturphänomen und Ideologiemodell jedoch ebenso sehr eine jener Disziplinen, die dem „kulturellen Überbau“ auf der Spur sind: Kunstwissenschaft und Literaturgeschichte zumal. Und gerade dort ist, um nur die Arbeiten des Kölner Germanisten Joachim Bumke in Erinnerung zu rufen, in den letzten Jahren Entscheidendes geschehen. Ohne den Blick des Kulturwissenschaftlers, der das Fach nicht als Spielwiese eklektizistischer Turnübungen, sondern als integrative Methode betreibt, wird das Bild des mittelalterlichen Ritterwesens nur schemenhaft erkennbar sein.

Leider hat sich Fleckenstein diesem Zugang verweigert. In drei Großkapiteln werden die Vorstufen des Rittertums, seine Wurzeln in Kriegs- und Lehnswesen, die innovativen Wirkungen der Heeresreform Karls des Großen und der Herausbildung einer neuen Reiterei unter HeinrichI. dargestellt, der Einfluss der Kirche, die ständische wie regionale Differenzierung und die entscheidende Rolle der Kreuzzüge bei der Formierung des Rittertums als gesamteuropäisches Phänomen. Dies geschieht in präziser, fakten- und quellengesättigter Analyse, doch zugleich seltsam bedächtig und glanzlos. Vielleicht hätte Fleckenstein dem guten Rat Theodor Mommsen folgen sollen, nämlich „seine Gelehrsamkeit auch einmal in die Tasche“ zu stecken „und nicht immer den Rock mit den Nähten auswendig“ zu tragen.

Erst das Schlusskapitel (Ritterliche Welt und höfische Lebensformen) verschränkt gesellschafts- und sozialgeschichtliche Realien mit ideologiekritischen und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen. Es stammt jedoch nicht aus Fleckensteins Feder, sondern von dem Freiburger Historiker Thomas Zotz Er versteht es vorzüglich, den historischen Wahrheitskern aus der „fiktionalen Realität“ dichterischer und künstlerischer Zeugnisse herauszufiltern – ein mühsames, aber doppelt lohnendes Unterfangen, das Ideal und Wirklichkeit des Rittertums, wie der Titel einer schmalen, aber konzisen, vor gut einem Vierteljahrhundert erschienenen Studie der holländischen Mediävistin Johanna Maria van Winter lautete, plastisch und konturenreich vor Augen führt. Man hätte sich für das gesamte Buch diesen Zugriff gewünscht. Was Ritter wirklich waren, tritt eben nicht nur in ihrer Alltagswelt als Burgherren und Krieger ans Licht, sondern wird eindrücklich vor allem dort, wo dem sozialen Status mit literarischen Texten, die sie in Auftrag gaben, oder durch Freskenzyklen, mit denen sie ihre Wohnräume ausstatteten, Identifikations- und Ideologiemodelle verpasst werden sollten. Wie es scheint, hat der elsässische Chronist des 13. Jahrhunderts so Unrecht nicht: Die Ritter verstanden sich kaum bloß als Kriegshandwerker und Gottesstreiter, sondern nicht minder als Angehörige einer kulturellen Elite, der Beschäftigungen der Freizeit wie Jagd, Turnier und Liebesabenteuer auch Ausdruck ihrer Freiheit waren.