Wer den Lebensweg eines anderen Menschen beschreibt, ist nicht nur zu größerer Sorgfalt verpflichtet als derjenige, der lediglich über den eigenen berichtet. Er sollte sich auch dessen bewusst sein, dass die Biografie des anderen die eigene immer wieder mit Fragen konfrontiert. Beide Aspekte machen die Biografie zu einem schwierigen und zugleich faszinierenden Genre historischer Forschung und Darstellung.

Was den ersten Aspekt betrifft: Die Biografie eines noch so bekannten Politikers verlangt keineswegs, dass dessen Weg in die und in der Politik zentimetergenau nachgezeichnet wird. Aber das Herausgreifen einiger weniger Stationen macht noch keine politische Biografie aus. Dabei hätte Martin Rupps über gute Voraussetzungen für einen solchen Versuch verfügt. Vor fünf Jahren veröffentlichte er eine Studie über Helmut Schmidts Politikverständnis und geistige Grundlagen, die sich ausführlich mit Schmidts „Hausapothekern“ – so dessen eigene, etwas schiefe Metapher – beschäftigte: Marc Aurel, Immanuel Kant, Max Weber und Karl Popper. Dabei untersuchte er auch, ob und inwieweit deren Kategorien jeweils Eingang in Schmidts Begründungen politischen Handelns gefunden hatten.

Die Prägungen der ersten Nachkriegsjahre

So legitim das Verfahren in einer systematisch angelegten Studie ist, das Verhalten in der Praxis an einzelnen Stationen zu testen, so wenig taugt es für eine Biografie, die auf eine Analyse des Lebenszusammenhangs nicht verzichten kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Künstlerkolonie Fischerhude und die Freundschaft mit den dort ansässigen Künstlerfamilien (Modersohn, Breling und Bontjes van Beek) waren eben nicht nur Schmidts geistiger „Fluchtort“, sondern auch Anlass tiefer Verstörung, als er nach 1945 erfuhr, dass eine Jugendfreundin aus diesem Kreis, Cato Bontjes van Beek, als Mitglied einer Widerstandsgruppe der Mordmaschinerie des NS-Regimes zum Opfer gefallen war.

Die Prägungen, die Schmidt in den ersten Nachkriegsjahren als junger Abgeordneter in Bonn, später als Innensenator in Hamburg sowie als Fraktionsvorsitzender während der Großen Koalition und als Minister in den beiden von Brandt geführten Kabinetten erfahren hat, bleiben – mit Ausnahme der Flutkatastrophe 1962 – weitgehend unerwähnt. Im Mittelpunkt stehen einige Stationen – insbesondere solche mit „Grenzerfahrungen“ – aus der Kanzlerzeit. Dabei handelt es sich in weiten Teilen um eine populärer – das heißt unter Verzicht auf Belege – formulierte Neuauflage der ursprünglichen Arbeit.

Am stärksten überzeugen die Passagen, in denen sich Rupps mit den Defiziten der Kanzlerschaft Schmidts, etwa mit der Unterschätzung der Ökologiebewegung, auseinander setzt. Als Angehöriger des Jahrgangs 1964 trägt das Interesse daran wesentlich autobiografische Züge. Aber selbst in diesen kritisch gehaltenen Abschnitten greift er auf nachträgliche Selbstdeutungen Schmidts zurück. Dessen Beiträge aus der Nachkanzlerzeit machen deutlich mehr als die Hälfte der zitierten Reden und Schriften aus. So entsteht das Bild eines fast alterslosen Kanzlers, dessen Panzerung kaum Risse hat, geschweige denn aufgebrochen worden ist. Das Orientierungsbedürfnis einer jüngeren Generation in einer Epoche der Unübersichtlichkeit mag auf diese Weise bedient werden.

Dem Hasten von Station zu Station dieser Generation entspricht schließlich auch der etwas zu großzügige Umgang mit Daten und Fakten – von Epplers Alter bis zum Nachrüstungsparteitag, der 1983 in Köln (nicht in Nürnberg) stattfand.