Dass sich unsere Zeit einer hohen Geschenkkultur erfreue, wird wohl niemand behaupten. Bei Millionenspenden an Parteien ist der Geber anonym und der Empfänger kompromittiert, die Flasche Wein zur Abendeinladung ist längst ein sinnentleerter Ritus, und am Weihnachtsfest herrscht sowieso allseits Frustration vor. Warum das so ist? Geschenke sind der Korrumpierung verdächtig, vertragen sich nicht mit dem Kult des reinen Verdienstes, der puren Meritokratie, durch den sich bürgerliche Gesellschaften seit 1789 von ihren Vorläufern abzugrenzen versuchen.

Verpflichtende Gaben gelten heute als mafios. Dass sie fesseln, einspannen, befangen oder auch blind machen, den Mund verschließen und Handlungen determinieren, analysierte bereits Michel de Montaigne (1533 bis 1592), als Präsentverächter einer der Protagonisten dieses Buches. Es liest sich über weite Strecken als ein Almanach des Gebens und Nehmens im Frankreich des 16. Jahrhunderts, und zwar vom Objekt und dem Kontext des Austauschs her betrachtet. Unter diesem Gesichtspunkt wird kaum eine Kombination ausgelassen, entfaltet sich ein Reigen des Schenkens, als soziale Kunst verstanden: Könige untereinander und gegenüber ihren Gefolgsleuten, Beklagte und Richter, Bauern und Grundherrn, Braut und Bräutigam. Selbst die Vergabe von kirchlichen Pfründen, die Stiftung von Messen zwecks Befreiung armer Seelen aus dem Fegefeuer, ja sogar die einseitige, vom Menschen durch alle guten Werke nicht erzwingbare Gnadenverleihung als Denkfigur reformierter Theologen geraten der Autorin als Sonder- und Extremformen eines allseitigen und alles beherrschenden do ut des ins Blickfeld.

Das theoretische Konzept, welches die überströmende Fülle der Belege zusammenhalten soll, ist wie immer bei Nathalie Zemon Davis der Ethnologie entlehnt. Dass Geschenke eine anthropologische Konstante bilden und als solche in allen Gesellschaften anzutreffen sind, wird niemand infrage stellen wollen. Doch was ist mit Vergleichen gewonnen, die Südseegesellschaften und Rabelais-Romane (in denen geschenkt wird, dass es nur so eine Art hat) zueinander in Beziehung stellen? Wird dadurch die spezielle french art of giving im 16. Jahrhundert (falls es sie, abgrenzbar etwa von Italien oder Spanien, überhaupt gibt) tiefenschärfer herausgearbeitet?

Hier melden sich Zweifel. Umso mehr, als die Definition von Freundschaft – welche kleine Geschenke dem Volksmund nach bekanntlich erhalten – als Grundlage allen Gabenaustauschs auffällig unvollständig ist, fehlt doch die für frühneuzeitliche Gesellschaften aus der Sicht der Sozialhistoriker ausschlaggebende Kategorie der instrumentalen Freundschaft. Seriös besagt sie, dass sich „Freunde“ keineswegs mögen müssen, sehr wohl aber gegenseitig nützlich zu sein haben, als Teil eines klientelären Paktes nämlich. Dieser kann unter Gleichrangigen geschlossen werden, verbindet aber in der Regel höher- und niedriger Gestellte zu konzertierter Aktionseinheit zwecks Beförderung wechselseitiger Interessen. Zur Anbahnung solcher amitiés stehen im Frankreich des 16. und noch mehr des 17. Jahrhunderts Patronage-Broker reichlich zur Verfügung; sie sind darauf spezialisiert, solche profitablen Beziehungen reziproker Natur zielgerichtet herbeizuführen.

Diese instrumentale Komponente wie das Geflecht der soziopolitischen Beziehungen, deren Erhalt oder Intensivierung Geschenke dienen, kommt in diesem ansonsten sehr anregenden Buch zu kurz. Das gilt nicht für die Praxis, sondern auch für die „Ideologie“. Klienteläre Strukturen als Keimzelle alles gesellschaftlichen und politischen Agierens werden im frühneuzeitlichen Europa meistens totgeschwiegen oder sogar geleugnet – zugunsten meritokratischer Maßstäbe und Rekrutierungsvorgänge. Auf diese Weise aber ist die von Davis ausführlich erörterte Haltung zu Geschenken und deren Verwendung selbst nur Teil eines größeren Ganzen – milde oder „freundschaftliche“ Gaben sind nicht frei disponibel, sondern Instrumente zum Zweck beziehungsweise Zeichen einer übergeordneten Semiotik, die vom jeweiligen sozialen System, seinen Dezenzregeln und vor allem vom Rang des Gebenden wie des Nehmenden bestimmt sind.

Erhellender wäre aus diesem Blickwinkel eine Sortierung der vielen amüsanten, lehrreichen und auch verblüffenden Geschenkgeschichten nach sozialen Konstellationen gewesen. Doch wie schon die jüngst verstorbene Hildegard Knef so treffend formulierte: Einem geschenkten Gaul …, will sagen: Eine faszinierende (und je nach Situation des Lesenden nützliche) Lektüre ist diese Anleitung zum richtigen Bestechen allemal.